Uralte Multirolle

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An die 200 Jahre alte Multirolle mit Messingschelle, zum Anschrauben an eine Holzrute.

Ich habe kürzlich einen sehr alten „Multiplier“ erwerben können, wahrscheinlich eine meiner ältesten Rollen. Die Rolle stammt aus Franken, aus der Gegend um Nürnberg, dort wurde sie der Vermutung nach gefischt.

Hergestellt wurde sie aber höchstwahrscheinlich in England, in der Zeit ab 1820 bis 1860. Sie besitzt noch eine Messingschelle, mit der sie an eine Holzstange ohne Rollenhalter angeschraubt werden konnte. Diese Schelle besitzt am Rand noch kleine Bohrungen, hier war ursprünglich eine Lederpolsterung eingenäht, damit die Rolle nicht am Angelstock verrutschen konnte.

Besonders markant an der Rolle sind die herzförmige Schraube und auch die feine Rändelung am Rand. Ich habe einmal meine gesamte englische Sammlerliteratur durchgeschaut, diese Merkmale konnte ich keinem definitiven Hersteller zuordnen oder bei anderen englischen Rollen dieser Bauart entdecken.

Schmetterling, Lyra oder Y

In England heißen solche Rollen „brass collar multplier“ oder „brass collar pole winch“, hin und wieder wird bei der Schelle auch von „clamp“ gesprochen. In alten deutschen Katalogen wird die Schelle als „Anschraubering“ (Stork) oder „Band zum Anschrauben“ (DAM) bezeichnet. Die Schrauben, die das Messingband an der Rute festklemmen, sind bei diesen englischen Modellen immer sehr hübsch ausgeführt: Entweder als einfache „butterfly screw“ (Schmetterlingschraube, Flügelschraube), als „lyre screw“ (Lyra-Schraube, in der Form einer antiken Harfe, mit besonders ausgeprägten Flügeln, auch Y-Schraube genannt) oder in der einfachen rundlichen Form eines Stimmwirbels einer Geige.

Der Kurbelarm meiner Rolle ist zeittypisch leicht geschwungen, er besitzt einen Messingknauf, der durchaus bei anderen englischen Modellen mit Schelle zu finden ist, häufiger sind damals aber Beinknäufe gewesen.

Die alte Multi ist noch mit der damaligen groben Hanfschnur gefüllt, das spricht dafür, dass diese Rolle auch in Deutschland gefischt wurde, wahrscheinlich zum Hechtangeln mit dem Köderfisch an einer langen Bohnenstange, die sich der Angler vor fast 200 Jahren als junge Fichte im Wald selbst geschnitten hatte. Die Rolle wurde seinerzeit mit einem Messingflicken und ein paar Nieten fachmännisch repariert, wahrscheinlich hat sie am Fuß nach jahrelangem Gebrauch irgendwann gewackelt.

Metrisch oder imperial?

Die Seitenplatten haben ziemlich genau einen Durchmesser von 4,9-5 cm, bei zwei Inch müsste die Rolle 5,08 cm breit sein. Fertigungsabweichungen hat es damals aber immer gegeben. Es könnte also ein metrisches oder auch ein imperiales Maß sein. Das Gewinde der großen Schraube sieht eher grob aus, englisches Feingewinde würde ich mir anders vorstellen. Ich bin da aber in keiner Weise ein Fachmann. All diese Spekulationen sind von der winzigen Hoffnung getragen, dass diese Rolle von einem süddeutschen Hersteller produziert wurde, was aber extrem unwahrscheinlich ist, wurden doch damals englische Rollen häufig in Deutschland angepriesen.

Wenn man dieses alte Schätzchen in die Hand nimmt, spürt man noch die kampfstarken Hechte, die damit ins Gras gewuchtet wurden. Diese Rolle hat viel erlebt. Großartig, dass sie sich bis heute erhalten hat.

Übrigens: Zwei sehr ähnliche Rollenmodelle zeigt Hermann d’Alquen 1862 in seinem Buch „Vollständiges Handbuch der feinern Angelkunst“ (Seite 10-11), das auch digital im Netz zu finden ist.

Wer weiß mehr über diese Rolle? Infos an thomas.kalweit@paulparey.de

Link-Tipps:

Weitere uralte Multirolle…

Meine älteste Rolle…

Besonders markant ist das ausgesparte Herz der Feststellschraube. Hat sie ein englisches Feingewinde?
An den feinen Bohrungen im Messingband war einmal eine Ledereinlage festgenäht.
Die Multi ist noch mit alter Hanfschnur gefüllt. Besonders markant an der Rolle ist auch die Rändelung der Seitenplatten.
An der Seite wurde die Rolle einmal mit einem angenieteten Messingwinkel repariert.
Am leicht geschwungenen Kurbelarm sitzt ein hübsch gedrehter Messingknauf, er ist blank poliert vom vielen Kurbeln. Seltsam sind die uralten Eisenschrauben, die eigentlich aus Messing sein müssten.

Anmerkung vom 10. August 2022:

Ich habe Bilder des guten Stücks via Facebook englischen Experten für Rollen aus dieser Zeit gezeigt. Sie sind begeistert und datieren die Multi deutlich früher, auf die Zeit 1800-1820. Sie wurde also wahrscheinlich in der Epoche der napoleonischen Kriege gebaut, ein unglaubliches Stück Geschichte! Ausschlaggebend für die Datierung war unter anderem der sehr aufwändig gerändelte Rand der Seitenplatten. Ein Experte hat auch angenommen, dass die Schelle damals nachträglich angebracht worden sein könnte, wohl weil der ursprüngliche Rollenfuß durch langjähriges Fischen gewackelt hat. Da solche Messingschellen aber im wesentlich um 1850 verbaut wurden, müsste die Ursprungsrolle noch älter gewesen sein. Für eine Herstellung der Rolle in Deutschland wäre das eindeutig zu früh, Anfang des 1900 Jahrunderts gab es bei uns noch keine Rollenhersteller, die Messing-Multirollen gebaut haben. Der Umbau zu einer Rolle mit Anschraubering müsste dann aber bei uns stattgefunden haben. TK

Übrigens: Ein Indiz für richtig extremes Alter bei Messingrollen (solche Multirollen werden in England ja immerhin seit 1760-70 gebaut, in den USA ab ca. 1810), soll unter anderem sein, dass die Frontplatten aus zwei Platten zusammengelötet wurden. Dieses Merkmal trifft vor allem bei US-Multis zu. Das ist bei meiner Rolle aber nicht der Fall. Ich werde meine anderen uralten Messingrollen aber mal auf dieses Indiz hin überprüfen…

Die Seitenplatten bestehen bei dieser Rolle aus einem Stück, der innere Rand ist nicht aufgelötet.
Die Seitenplatten wurden definitiv nicht aus mehreren dünnen Platten zusammengelötet, obwohl die Furche den Eindruck erweckt.
Abo Fisch&Fang