Meine älteste Rolle

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Unter dem extrem langen Fuß ist die Rolle mit "LE DS" gemarkt.

Kürzlich konnte ich meine wohl älteste Rolle erwerben. Der Verkäufer versicherte mir, dass sie aus Süddeutschland stammt, dort wurde sie vor über 150 Jahren erworben und gefischt.

Damals (um 1860 oder sogar früher) hatten die wenigen deutschen Angelgerätehersteller eigentlich noch keine Rollen im Programm. Die wenigen Modellen stammten aus England oder den USA, wo der Rollenbau schon florierte. Die ersten deutschen Rollenmodelle wurden dann später (um 1880) von diesen importierten englischen und amerikanischen Vorläufern abgekupfert.

Charakteristisch für diese uralte Rolle ist der extrem lange Rollenfuß, vergleichbar mit den Modellen, wie sie in den ältesten deutschen Angelbüchern abgebildet sind (etwa d’Alquen 1862). Diese Rollen wurden nur mit einfachen Messingschieberingen auf der Rute befestigt (siehe Bischoff, Angelfischerei, 1859). Auch der Kurbelknauf aus massivem Messing ist typisch für diese ganz alten Angelrollen.

Meine älteste Rolle wäre aber nichts außergewöhnliches, wenn sie nicht unter dem Rollenfuß gemarkt wäre. Deutlich wurden die Lettern „LE DS“ eingraviert. Leider nicht „LEEDS“, was auf eine nordenglische Stadt mit großer Metallverarbeitungstradition hindeuten würde. Die Buchstaben müssten vom Hersteller sein. Wären sie nachträglich als Initialen des Besitzers eingeschlagen worden, wäre der filigrane Fuß sicher abgebrochen.

Ich habe dieses Schätzchen per Facebook verschiedenen Rollenexperten aus England und den USA gezeigt, sie alle bestimmen die Rolle eindeutig als englisches Produkt.

Wer weiß mehr? Infos an thomas.kalweit@paulparey.de

Bei Rollen, die ein paar Jahrzehnte später gefertigt wurden, ist der Fuß nur halb so breit.
In der Mitte ist kein weiteres "E" für Leeds zu erkennen.
Der Kurbelknauf wurde damals aus Messing gefertigt.
Der ungewöhnlich lange Rollenfuß spricht für eines der frühesten Rollenmodelle.
Unglaubliche Patina von über 150 Jahren. Wer so einen Rollenschatz reinigt, müsste scharf bestraft werden.
Geschwungene Kurbel, ebenfalls typisch für ganz alte Angelrollen.
Aus: Bischoff, Angelfischerei, 1859. Die Position der Messingschieberinge lässt den extrem langen Rollenfuß erahnen. Man beachte auch die geschwungene Kurbel!
An Bischoffs Forellengerte (ebenfalls 1859) lässt sich der extrem lange Rollenfuß noch besser erkennen.

Anmerkung vom 31.10.2019:

Jürgen Keller hat mir Auszüge aus dem Angelgeräte-Katalog der Firma Gustav Staudenmeyer, Ulm, aus unbestimmter Zeit vor 1900 zukommen lassen. Diese Firma hatte damals zahlreiche Modelle kleiner englischer Messingrollen im Angebot. Die handgezeichneten Abbildungen zeigen sehr lange Rollenfüße. Die Auswahl war schon damals in Deutschland riesig: Die Rollenmodelle waren genietet, geschraubt, poliert, mit und ohne Hemmung, Bremse oder Mulitplikator, aus Messing, Bronze, Ebonit oder Holz. Insgesamt 14 Rollenmodelle, teilweise in bis zu sieben verschiedenen Größen.

Meine alte Rolle ist genietet, also ein eher einfaches Modell. Ihr Durchmesser ist mit 4,8 cm sehr ungewöhnlich für eine englische Rolle. Zu erwarten wären eindeutig 5,1 cm, das wären dann genau zwei Zoll. Bei deutscher Fertigung wäre ein glatter Zentimeter-Betrag (4 oder 5 cm) zu erwarten. Die Rolle gibt weiterhin Rätsel auf…

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