Alte Rolle vom Rost befreit

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Nach der schonenden Entrostung erscheint die Stork-Rolle No. 795 fast wieder im alten Glanz.

Um die Aufschrift auf der total verrosteten Stork-Rolle „Einfache Metallrolle No. 795“ lesen zu können, habe ich sie über Nacht in 7-prozentiger Oxalsäure eingelegt.

Mit einer Arterienklemme habe ich die Rolle dann (ätzend, giftig! Schutzbrille und Gummihandschuhe erforderlich!) vorsichtig aus dem Säurebad genommen und das alte Teil mit Seifenlauge neutralisiert. Danach wird die Rolle gut mit Wasser abgespült und sofort danach mit dem Fön durch und durch getrocknet. Auf dem entrosteten Eisen bleibt ein grünlich-kristalliner Überzug aus schwerlöslichen Eisen(II)-Oxalaten zurück, der einer erneuten Bildung von Rost vorbeugt. Trotzdem wird die Rolle gleich mit einem Rostschutzöl (oder Owatrol, Fett, Wachs, Leinölfirnis, Klarlack usw.) behandelt. Lässt man sich da zu viel Zeit, wird das Eisen irgendwann wieder zu rosten beginnen, vor allem nach dem Kontakt mit salzigen Fingern.

Schonendes Entrosten mit Oxalsäure

Sammler von historischen Waffen, Münzen oder Oldtimern nutzen schon seit Jahrzehnten Oxalsäure, um Eisen möglichst schonend zu entrosten. Rostige Tanks von alten Motorrädern werden so wieder nutzbar gemacht. Oxalsäure kommt natürlich im Sauerklee oder Rhabarber vor und greift nur den Eisen-Rost an, nicht das übrige Material, auch nicht das „gesunde“ Eisen. Holz, Farbe, Stempel, Aufschriften, Leder usw. werden nicht angegriffen oder nur leicht gebleicht. Trotzdem empfiehlt es sich unbedingt, die Oxalsäure an einer unauffälligen Stelle erst einmal auszuprobieren. Denn Achtung: Aufschriften, Farben usw. könnten ja auch wasserlöslich sein und 93% der verdünnten Säure besteht aus Wasser. Messing wird durch Oxalsäure rötlich, Edelstahl läuft grau an! Wie Bakelitgriffe sich verhalten, habe ich noch nicht ausprobiert! Auch nicht, wie es bei Chrom, Nickel oder Zink aussieht. Das Verfahren ist für Eisen und Alu gedacht. Anwendung auf eigenes Risiko!

7-prozentige Oxalsäure wird von Restauratoren zum möglichst schonenden Entrosten verwendet. Achtung: Sicherheitshinweise auf der Flasche beachten!
Nachdem der Rost sich aufgelöst hat, lässt sich die Aufschrift auf der Rolle erkennen. Es ist eine Gayle-Rolle aus Frankfort in Kentucky, USA.
Vorher war eigentlich keine Markung zu erkennen.

Weil es sich um eine Säure handelt, sie wird in einer Konzentration von 7-10% verwendet, müssen unbedingt die Sicherheitsvorschriften eingehalten werden: Schutzbrille, Gummihandschuhe und gute Belüftung sind erforderlich! Kinder dürfen nicht in die Nähe der Säure gelangen!

Oxidiertes Aluminium lässt sich ebenfalls mit Oxalsäure reinigen. Für Messing ist sie nicht geeignet, es kommt zu einer Entzinkung der Legierung und das ursprünglich gelbe Material verfärbt sich rötlich.

Erstaunliche Entdeckung

Nachdem ich die Rolle über Nacht entrostet hatte, war die vorher nur zu erahnende Aufschrift eindeutig zu erkennen. Kreisrund um das Zentrum angeordnet steht deutlich auf der Frontscheibe: „Gayle Simplicity No 0 Frankfort KY USA“. Die kleine Einsteigerrolle wurde also von der berühmten Firma Gayle in der amerikanischen Stadt Frankfort gebaut. Diese Stadt in Kentucky war im im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert berühmt für ihre hochwertigen Multirollen, heute bei Sammlern höchst begehrt als „Kentucky reels“. Ab 1882 begannen die Uhrmacher George und sein Sohn Clarence in Frankfort mit dem Rollenbau.

Mit der Produktion der Simplicity-Rollen wurde von Clarence Gayle um 1915 begonnen. Die für diese preiswerten Rollen notwendige Serienfertigung aus vorgestanzten Teilen hatte er bei der Buick Motor Company und bei Harley Davidson gelernt. Es gab sechs Qualitätsstufen der Simplicity Reel von No 0 bis No 6. Das einfachste Modell kostete nur 25 Cent, das beste gerade eben einen Dollar. Diese Einsteiger-Rollen entwickelten sich zum Bestseller, sie wurden auch in großen Mengen nach Europa, etwa nach Skandinavien zum Eisangeln, und auch nach Japan exportiert. Leider kopierten die Japaner schnell Gayles Rollenmodelle, so dass er um die Mitte der 1930er Jahre die Produktion einstellen musste, weil der Markt mit noch billigeren japanischen Rollen überschwemmt wurde.

Auch bei Stork im Programm

Offensichtlich hatte auch die Firma Stork in den 1920er Jahren diese Gayle-Rollen im Angebot, neben der No 0 („Einfache Metallrolle flachliegend No. 795“) finden sich auch noch weitere Modelle im 1929er Stork-Katalog. Das beste Gayle-Modell im Stork-Katalog, das Modell mit Ratsche (Simplicity No. 5), habe ich kurzlich zufällig beim Schlussverkauf eines Kölner Fachhändlers in einer Wühlkiste gefunden. Das hässliche, ebenfalls verrostete Ding hat mich nur 3 Euro gekostet, damals dachte ich mir, das es etwas Interessantes sein könnte…

Im Stork-Katalog von 1929 finden sich noch weitere Gayle-Modelle: Die Stork No. 840 (Gayle Simplicity No. 1) und No. 841 mit Ratsche, zwei Kurbeln und gelochter Platte (Gayle Simplicity No. 5).

Übrigens: Beim genauen Hinsehen entdeckt man, dass die Stork-Rolle 795 auf der Katalogabbildung schwer leserlich wahrscheinlich mit „USA“ in einer Raute gemarkt ist.

Wer hat ebenfalls eine Gayle-Rolle in der Sammlung? Infos an thomas.kalweit@paulparey.de

Anmerkung vom 23. Dezember 2019:

Auch alte Köder lassen sich mit Oxalsäure schonend vom Rost befreien.
Nach 15 Stunden hat sich der Rost nahezu komplett aufgelöst. Bleikopf, Bemalung, Glas- und Messingperlen wurden nicht angegriffen. Jetzt ist auch die Agilette-Marke deutlicher zu erkennen. Zurück bleibt auf dem Eisen ein grünlich-kristalliner Überzug aus schwer löslichen Eisen(II)-Oxalaten, der einer erneuten Bildung von Rost vorbeugt.
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