Wer erfand die Leuchtpose?

1813


Wer erfand die Leuchtpose?

THOMAS KALWEIT über Glühwürmchen, die Karpfen fangen, Kern-Energie am Wasser und alarmierende Schwimmer.

Der See liegt da wie geschmolzener Teer, dampfend und schwarz. Ein Leuchtpunkt kämpft sich zuckend durch die dunkle Masse und taucht ab… Nachtangeln mit der Pose – ein Angler-Traum, der Wirklichkeit wurde. Wer aber denkt, der Leuchtschwimmer sei eine Erfindung der jüngsten Vergangenheit, der liegt falsch. Schon 1898 äußerte sich der Münchener Angelgerätehändler H. Stork sehr abfällig über die damalige Neuentwicklung: „Das Leuchtfloß ist eine englische Spielerei. In dem hinteren Teile des Kiels befindet sich Phosphor, welcher bei Nacht eine matte Beleuchtung des Wassers erzeugt“. 1880 hatte ein gewisser G. J. Archer das erste „Luminous Float“ als Patent angemeldet. Auch die Kataloge aus den 30er Jahren der Deutschen Angelgeräte-Manufaktur Berlin (D.A.M.) strotzen nur so vor Leuchtschwimmern. Vier verschiedene Modelle hatte die Weltfirma vor über 70 Jahren schon im Angebot. „Die von mir in den Handel gebrachten Leuchtflosse unterscheiden sich durch die absolute Echtheit der Leuchtmasse. Sämtliche Leuchtflosse werden bei mir hergestellt und mit echter Radiumleuchtmasse versehen. Hierzu verwende ich die denkbar beste und teuerste Ausstrahlung und nicht minderwertige Zinkerden und Phosphorsubstanzen“, schwärmte Otto Kuntze, der damalige Inhaber der D.A.M. Der letzte Satz stimmt uns nach Tschernobyl etwas nachdenklich.

Die schwimmende Taschenlampe – der Klassiker von D.A.M.

D.A.M. setzte in der Vorkriegszeit aber nicht nur auf „Kern-Energie“, die findige Firma hatte auch einen als Neuheit angepriesenen, elektrischen Leuchtschwimmer im Programm. Doch Otto Kuntze musste selbst eingestehen, dass diese Entwicklung von 1932 Vorläufer hatte: „Schon seit Jahrzehnten sind unzählige Erfindungen gemacht worden, um diese Leuchtschwimmer, mit Elektrizität gespeist, herzustellen. Leider versagten alle diese Erfindungen in der Praxis, weil große Batterien, Zuleitungsschnüre usw. nötig waren, wodurch der Schwimmer unglaublich schwer und für Angelzwecke ungeeignet wurde.“ Bereits 1906 meldete Otto Vecernik den Vorläufer einer elektrische Leuchtpose zum Patent an. In seine Angelrute baute der findige Prager eine Batterie ein, die durch ein Kabel aus der Rutenspitze ein Etwas – nennen wir es wohlwollend „Leuchtschwimmer“ – mit Strom versorgte. Durch einen komplizierten Mechanismus leuchtete das Birnchen erst beim Biss auf. Die Weiterentwicklung von D.A.M. war genial, aber aus heutiger Sicht auch nicht mehr als eine wasserdichte Taschenlampe, die schwimmen konnte.

Glüh’ Würmchen glüh’!

Doch um über den ersten Leuchtschwimmer der Weltgeschichte zu staunen, müssen wir gar noch weitere 200 Jahre zurückschauen, ins nebelverhangene England von 1706. Robert Howlett sorgte mit dem kalten Licht eines Leuchtkäfers erstmals für Erleuchtung in der Anglerwelt. Er fing die tanzenden Irrlichter und steckte sie in eine Pose. In seinem „Angler’s Sure Guide“ verrät der Meister das Geheimnis: „Wie mir kürzlich berichtet wurde, ist das Glühwürmchen die Lösung, um Karpfen in dunkler Nacht mit Rute, Schnur und Schwimmer zu fangen. Dazu schabe man auf einen Zoll Länge das dickere Ende eines großen Schwanen-Federkiels so lange dünn, bis er transparent erscheint und steche drei oder vier Löcher mit einer dünnen Nadel um die Spitze des dickeren Endes ein, damit Luft hineinkomme. Dann schneide man anderthalb Zoll von diesem dünngeschabten Ende ab, sodann binde man über das offene Ende zwei oder drei Lagen gewachste Seide, und schnitze einen Korken von einem halben Zoll Länge, bis er genau hineinpasst. Wenn Du einen Glühwurm oder zwei in den dünngeschabten Federkiel gesteckt hast, verschließe es sogleich mit dem Korken.“

Knicklicht & Co

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die zuckenden Leuchtpunkte auf unseren Gewässern immer häufiger. Zu den wohl hartnäckigsten Leuchtschwimmer-Modellen zählen fluoreszierende Zelluloid-Posen, die in den 1950ern auf den Markt kamen. Sie mussten vor dem Auswerfen mit der Taschenlampe angestrahlt und aufgeladen werden. Nahezu jeder Angler hatte diese Schwimmer in der Kiste, obwohl sie eigentlich überhaupt nicht funktionierten und sich bereits kurz nach dem Einwurf wieder verdunkelten.

Händewaschen nicht vergessen! Ein Radium-Leuchtschwimmer aus der Vorkriegszeit.

Die Angler wollten dauerhaftes Leuchten! Deshalb brachte der in England bekannte Brandungsangler Leslie Moncrieff seinen „atomic-lighted bite indicator“ auf den Markt. Ein selbstleuchtendes „Kernkraftwerk“ für die Posen- oder Rutenspitze, das man aber nicht unbedingt in der Hosentasche mit sich herumtragen sollte.
Auch die Amerikaner legten nach: 1969 steckte die Firma Accumatic Engineering Ltd. ein mit Phosphor beschichtetes Glasröhrchen auf eine Posenspitze. Das Leuchtmittel Phosphor wurde durch ein radioaktives Isotop zum Leuchten angeregt. Diese Betastrahler sind noch heute als „Betalights“ oder „Isotopes“ erhältlich. Die heutigen Modelle mit Tritium leuchten bis zu zwanzig Jahre und kommen in einer Leuchtstärke zwischen 100 und 500 Microlambert in den Handel. Bei Tritium wird die Betastrahlung bereits durch das Glasröhrchen vollkommen neutralisiert. Bei den ersten Modellen kam noch das gefährliche Radium zum Einsatz – man dachte sich damals nichts dabei. Preiswert und ungefährlich wurde die Leuchtschwimmer-Angelei durch eine geniale Erfindung, dem Knicklicht. In dem Leuchtstäbchen aus Kunststoff befinden sich in getrennten Kammern verschiedene Flüssigkeiten. Durch das Knicken wird ein kleines Glasröhrchen mit Wasserstoffperoxid zerbrochen und mit diesen vermischt. Diese so genannte Chemoluminiszenz wurde Anfang der 60er Jahre von der Firma „American Cyanamid“ entwickelt und anfangs vor allem vom US-Militär zur Landebahn-Befeuerung eingesetzt.
Mini-Knopfzellen in Kombination mit Leuchtdioden sind heutzutage der Stand der Technik. Doch die Erfinder tüfteln unermüdlich weiter. 1996 meldeten Colleit und Watcham eine Pose zum Patent an, die beim Biss ein alarmauslösendes Funksignal aussendet…

Im Mai-Heft 2007 berichtet Thomas Kalweit über die Entwicklung der Arlesey-Bombe.

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