Der Erfinder der Augenblinker

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Zu Ophemerts Erfindungen zählt der Augenblinker, hier einige Originale aus der damaligen Zeit.
Zu Ophemerts Erfindungen zählt der Augenblinker, hier einige Originale aus der damaligen Zeit.

Heute hat sie jeder in seiner Angelbox: glänzende Blinker und knallbunte Gummifische. Der akademische Bildhauer und Künstler Hendrik van Ophemert designte und produzierte in Handarbeit schon ab 1930 fantastische Kunstköder. Eine spannende Zeitreise in die Vergangenheit. Von Hendrik Olliges

Hendrik van Ophemert wurde am 1. Dezember 1885 in Rotterdam (NL) geboren. Die Kunst zog ihn Anfang des 19. Jahrhunderts nach Deutschland, die Liebe hielt ihn hier. Von 1909 bis 1917 studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in Dresden. In der Elbstadt lernte er auch Anna Josefine Gabriele Wiedemann kennen, die er heiratete und mit der er den Sohn Pieter hatte. Obwohl H. v. Ophemert die längste Zeit seines Lebens in Deutschland verbrachte, nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft nie an. Als akademischer Bildhauer, so sein Titel, führte er in den 30er Jahren in der Elisenstraße 6 in Dresden sein Atelier und hat dort auch die ersten Angelköder in Handarbeit hergestellt.

Die Feuernacht am 13/14.2.1945, als US- und britische Bomber die Elbstadt in Schutt und Asche legten, war für H. v. Ophemert – wie für viele andere auch – ein fürchterliches Ereignis. In einem Briefwechsel antwortet der Angelgerätehersteller und -händler Jakob Wieland 1950: „Ich kann mir allerdings denken, dass Ihre Flucht aus Dresden und der Verlust Ihrer ganzen Habe ein scharfer Einschnitt in Ihr Leben bedeutet hat.“ Nach Kriegsende siedelte H. v. Ophemert nach Braunlage im Harz um, wo er noch für kurze Zeit – bis zu seinem Tod 1952 – die Angelgeräteproduktion wieder aufnahm.

Das Hauptaugenmerk des künstlerischen Schaffens von H. v. Ophemert lag in der Bildhauerei und bei realistischen Bronzeplastiken mit vielfältigen Motiven. Natürlich hat der kreative Mensch auch geangelt und war Mitglied im Fischereiverein Herzberg und Umgegend e.V.

Seine Freunde schätzten „Opchen“, wie er liebevoll gerufen wurde, als stillen, bescheidenen Mann, als echten Kameraden und ausgezeichneten Sportfischer. Seine Zielfische waren die Räuber, die er mit einer Ausrüstung so illustrer Angelgerätehersteller wie Wieland, Legrand, Noris und Thöner jagte. Eigene Blinker durften dabei natürlich nicht fehlen, wenn man’s kann! H. v. Ophemert konnte.

Darüber hinaus hat er auch Kleinzubehör wie Wirbel und Vorfächer hergestellt und die sogenannte Ophemert-Auslösung für Multirollen erfunden. Umgesetzt haben die  Daumenhebel-Freischaltung, mit der die Rolle in Freilauf geschaltet wurde, in den 30er Jahren dann die Firmen Jak Schneider aus Dresden mit der Snoek-Multirolle und anschließend auch die Fa. Hildebrand’s Nachf. Jakob Wieland in München.

Hendrik van Ophemert um 1925. Der Künstler hatte eine sehr spezielle Ader für Raubfischköder.

Schimmernde Blinker

Die glänzenden Augenblinker sind nach dem natürlichen Vorbild der Beutefische für Hechte oder Forellen geschaffen. Einen besonderen Reiz üben die geschliffenen, farbigen Glasaugen aus, die bei richtigem Sonneneinfall herrlich durchscheinend schimmern. Und – nicht zu vergessen – der praktische Zweck der Kunst in diesem Fall, die Raubfische natürlich auch todsicher zum Biss zu verführen.

Ab um 1930 hat H. v. Ophemert seine ersten Augenblinker in langwieriger und mühseliger Handarbeit hergestellt. Fast 20 Schritte waren notwendig, um den Rohling mit der zur besseren Hebelwirkung getunten Blechschere aus dem Metall zu schneiden, mit dem bunten Glasauge zu veredeln und den fertigen Köder zum Verkauf vorzubereiten.

Im Vergleich zur maschinellen Massenfertigung heutzutage in Asien ist dieser Aufwand unvorstellbar und wäre in unserer Zeit nicht einmal mehr ansatzweise zu bezahlen. Auch die verkauften Mengen waren übersichtlich. Ob man bei Verkaufszahlen von drei Stück an die Angelfreunde leben konnte? Bei seiner Gewerbeanmeldung 1947 ist H. v. Ophemert eher pessimistisch: Die Gewinnhöhe könne „nicht immer mit Bestimmtheit gesagt werden.“

Die Herstellung war sehr mühsam, Blinker mussten per Hand und mit getunter Blechschere geschnitten werden.
Die Herstellung war sehr mühsam, Blinker mussten per Hand und mit getunter Blechschere geschnitten werden.
Jeder Blinker wurde mit einem Glasauge versehen.
Jeder Blinker wurde mit einem Glasauge versehen.

Fischplastik als Kühlerfigur

Besondere Beziehungen gab es ab 1949 zwischen dem Angelhersteller Wilhelm Thöner in München und dem Künstler H. v. Ophemert. Nahezu monatlich wurden durch den Händler neue Sonderaufträge wie Fischmodelle für Angelpreise oder Armkettchen für die Herzensdame erteilt und ungeduldig eingefordert. Dass sich der Nachkriegswohlstand bei Thöner schon früh eingestellt hatte, zeigt auch dessen Wunsch nach einem einzigartigen Statussymbol. Der Künstler möge bitte zwei kleinere Fischmodelle „Barsch, möglichst lebensecht und lebendig gebogen“ designen.

Man lese und staune: Der Angelunternehmer wollte seinen privaten KFZ-Fuhrpark mit diesen Fischplastiken als Kühlerfiguren verzieren! Der Barsch würde auch heute ganz sicher noch auf jedem Auto großen Eindruck machen. Verrechnet wurde die künstlerische Leistung Ophemerts mit der Lieferung von Angelgeräten aus dem Bestand des Händlers Thöner. Nach dem Tod Ophemerts vertrieb Thöner dann mit der „Silbernixe“ einen Augenblinker, der mehr als verblüffende Ähnlichkeit mit dem ophemert‘schen Original hatte. Ob Thöner noch Lizenzgebühren an die Witwe v. Ophemert gezahlt hat, ist nicht bekannt. Wirtschaftlich blieb der Kaufmann bei dieser Geschäftsbeziehung – wenig überraschend und wie dieser selbst feststellte – insgesamt im Vorteil.

Fischplastik für die Kühlerhaube des Autos von Angelgerätehersteller Thöner. Dafür schuf Ophemert diesen schmucken Barsch.
Fischplastik für die Kühlerhaube des Autos von Angelgerätehersteller Thöner. Dafür schuf Ophemert diesen schmucken Barsch.
Innovativ: die Snoek- Multirolle mit Ophemert-Auslösung.
Innovativ: die Snoek- Multirolle mit Ophemert-Auslösung.

Shads aus den 50er Jahren

Gummifische erfreuen sich heute immer größerer Beliebtheit. Aber wer hätte gedacht, dass die schwabbeligen Köder künstlerische Vorfahren haben? Schon am 28.5.1952 stellte Wilhelm Thöner den Patentantrag für einen „künstlichen Köder für Angelzwecke, gekennzeichnet durch die Nachbildung eines natürlichen Fisches aus nachgiebigen Werkstoffen und die Anordnung einer biegsamen Einlage aus Draht od.dgl. in dessen Körperlängsachse“.

Hilfesuchend wandte er sich wieder an den Künstler. Das Modell für den als „Plastikfisch“ beworbenen Köder entwarf H. v. Ophemert zum Jahreswechsel 1951/1952. Im Folgejahr wurde der Köder mit seiner „naturgetreuen“ Bemalung dann auch schon für den Verkauf beworben.

Hendrik van Ophemert verstarb am 2. Februar 1952 im Alter von 66 Jahren in Braunlage im Harz. Die formschönen und leuchtenden Augenblinker des acad. Bildhauers H. v. Ophemert sind handgemachte Unikate und bleiben Stück für Stück wirkliche Kunstobjekte. Mein großer Dank für viele Stunden Gespräche und Informationen, die Einsicht in das Familienarchiv und das gewährte Vertrauen gelten der Familie van Ophemert. Sollte der geneigte Leser weitere Informationen zu H. v. Ophemert und seinen Werken haben, ist der Autor für einen entsprechenden Hinweis unter h.olliges@gmx.de dankbar.

Wegweisend: der Plastikfisch von Sol, entworfen und entwickelt in den frühen 1950er Jahren. Dank des hohen Eigengewichts musste kein Spinnblei mehr vorgeschaltet werden.
Wegweisend: der Plastikfisch von Sol, entworfen und entwickelt in den frühen 1950er Jahren. Dank des hohen Eigengewichts musste kein Spinnblei mehr vorgeschaltet werden.
H. v. Ophemert (um 1950) beim Angeln. Das Spinnfischen war ihm eine große Leidenschaft.
H. v. Ophemert (um 1950) beim Angeln. Das Spinnfischen war ihm eine große Leidenschaft.
Die lebensgroße Bronzeplastik „Der müde Wanderer“ von H. v. Ophemert steht in Holland auf einem Friedhof.
Die lebensgroße Bronzeplastik „Der müde Wanderer“ von H. v. Ophemert steht in Holland auf einem Friedhof.
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