Karpfenangeln vor 100 Jahren

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Karpfenangeln vor 100 Jahren

Wir haben wieder in den Archiven gestöbert – und sind erneut fündig geworden: Der Boilie ist schon ein Jahrhundert alt.

Karpfenspezi aus der Vorkriegszeit: Schon damals waren die Geräte hochentwickelt und ausgefeilt.

Ich blase den Staub vom Buchdeckel und schlage die erste Seite auf. Das vergilbte Papier bricht fast beim Blättern – das letzte Jahrhundert hat meinem Jahresband 1909 der „Deutschen Anglerzeitung“ arg zugesetzt. Ein frecher Holzwurm hat sich sogar den Weg durch den ganzen Schmöker gegraben. Die „Zeitschrift für die Gesamtinteressen der Deutschen Sportfischerei“ erschien damals alle 14 Tage in einer durchaus stolzen Auflage von bis zu 4.000 Stück. So alt das Papier, so frisch ist der Inhalt. Vor mir offenbart sich das gesamte Wissen unserer anglerischen Vorfahren. Ein regelrechter Schatz!

Wer meint, dass die Angler vor 100 Jahren mit grobem Gerät gedankenlos irgendeinen Köder irgendwo versenkt hatten, der liegt falsch. Die Methoden und Geräte von anno dazumal waren mindestens so hoch entwickelt und ausgefeilt wie heute.

Boilie von 1909

Ich blättere ein wenig, staune über ein eine Anzeige für den „giftfreien“ Karpfenlockstoff „Lachsol“ und stoße dann in der Ausgabe vom 1. Juni 1909 auf einen atemberaubenden Aufsatz. Dass so etwas wie der Boilie – gekochte und damit gegen Kleinfische widerstandsfähige Teigköder – schon vor 1940 in Deutschland bekannt waren, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Jetzt finde ich hier ein Boilie-Rezept schon 30 Jahre früher – die so genannte „Müller-Paste“:

Schon 1909 wurden Karpfenlockstoffe in den Angelzeitschriften angepriesen.

„Besonders geeignet für Karpfen, Barbe und Brachsen als Grundköder für die Grundangel (Nachtfischerei). Zwei Teile Roggenmehl, 1 Teil Maismehl, 1 Teil Weizenmehl werden mit etwas Kurkuma-Pulver zu Teig gemacht und zu fingerdicken Platten gewalkt und gekocht und nach dem Kochen mit etwas Butter bestrichen und in zwei Finger breite und ebenso lange Würfel geschnitten.“ Viereckige Boilies, so genannte „bricked baits“ kamen in England erst in den 1990ern in Mode, als die stark beangelten Karpfen nicht mehr auf runde Köderkugeln hereinfallen wollten.

Der Autor, der unter dem geheimnisvollen Pseudonym „Ein alter Angler“ damals in der Deutschen Anglerzeitung schrieb, verrät weiter: „Man kann statt Kurkuma-Pulver gelbes Ingwerpulver und zum Teig etwas Honig und ein paar Tropfen Ätheröl nehmen. Statt zu walken, kann man die Paste zu Schupfnudeln formieren. Als Kirrung (Anfutter) wie als Köder sehr gut.“

Decknamen waren damals in Angelzeitschriften durchaus üblich, weil angelbesessene Ärzte, Richter oder Professoren nicht mit ihrem richtigen Namen dort auftauchen wollten. Unser „alter Angler“ hatte noch einen zweiten Geheimköder parat, hier ein weiteres Boilie-Rezept von 1909, die „Lebkuchen-Paste“: „Man nimmt zur Hälfte Roggen- und Maismehl, zur Hälfte Lebzeltenmehl, macht einen steifen Teig und dörrt ihn an der Sonne oder über Nacht an der Sparherdplatte, der Teig sei fingerstark in Platten. Man kann ihn auch kochen.“

Mit Melonen und Maikäfern

Er fischte aber auch mit einer einfachen Brotpaste auf die Bartelmäuler: „Man knetet möglichst neubackenes Kornbrot mit Honig und gibt ein paar Tropfen ätherisches Öl (Thymian-, Lavendel- oder Petersilien-Öl) und etwas Salz dazu, kirrt damit in haselnussgroßen Stücken und verwendet die Masse als Angelköder.“ Mit ätherischen Ölen experimentierten die englischen Boilie-Angler übrigens erst in den 1990er Jahren.

Auch zum richtigen Anfutter machte der unbekannte Karpfenangler von 1909 Vorschläge: „Einen guten Grundköder stellt man sich folgendermaßen her: Hafer- oder Gerstenschrot mit feiner Kleie gemengt, wird in einer Kasserolle mit Sirup und Honig geröstet und hiervon haselnussgroße Stücke als Kirrung und Angelköder gebraucht. Außerdem kann man auf Karpfen mit Greyerzer Käse, Zuckermelonen, Heuschrecken und Maikäfern angeln. Ich meinerseits angle mit Mais, Erbsen und Müllerpaste und finde selbe hinlänglich abwechselnd.“ Vom Geschmackssinn der Karpfen hat er keine hohe Meinung: „Der Karpfen ist ein Allesfresser – das Schwein oder die Ente unter den Fischen.“

Schon damals setzte man auf ausgefeilte Futterstrategien: „Das Streuen der Kirrung hat folgendermaßen zu geschehen. Man streut 3 bis 4 Tage vorher, bevor man das Angeln beginnen will, zu einer festgesetzten Zeit in einem Umkreise von 5 bis 5 Metern ½ bis 1 Liter Kirrung. Nach 3 bis 4 Tagen fängt man mit dem Angeln an, immer 1 bis 1 ½ Stunden nachdem man die Kirrung gegeben hat. Das Ausstreuen der Kirrung hat alle Tage zu geschehen und zwar immer zu derselben Zeit.“ Diesen Ausführungen können auch Boilie-Angler von heute nicht viel hinzufügen.

Unser geheimnisvoller Autor war übrigens ein alter Hase. Voller Stolz erwähnt er seine auf „50-jährige Praxis basierenden Erfahrungen betreff des Karpfenfanges“. Man kann also davon ausgehen, dass gekochte Teigköder schon weit vor 1900 bekannt waren. Aber woher stammt unser unbekannter Autor? Ausdrücke wie Schupfnudeln, Brachsen oder Lebzelten sprechen für eine süddeutsche Herkunft.

 

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