Wer erfand den Waggler?

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Wer erfand den Waggler?

Ganz klar: Die Pose zum Matchangeln stammt aus England! Oder doch aus Indien? Von THOMAS KALWEIT

Einen feststehenden Schwimmer nur durch die untere Öse auf die Schnur zu fädeln und dann mit zwei Schrotbleien zu fixieren – eine seltsame Idee. Denn über Jahrhunderte befestigten Angler ihr Stipp-Floß oben und unten mit zwei Posenringen auf der Leine. Wie bei vielen Erfindungen aus der Angelwelt hatten englische Wettfischer auch bei der Entwicklung der Wackel-Pose ihre Finger im Spiel. Der erste Waggler wird heute meist J.H.R. Bazley zugeschrieben. Der Schuldirektor aus Leeds gilt als der größte Matchangler aller Zeiten. Als einziger Petrijünger gewann er die englischen Meisterschaften zweimal: 1909 und 1927. Bei seinem ersten Titel befischte er den Dyke bei Newark. Er montierte eine Pose, die nur am unteren Ende befestigt war – und gewann. Doch Bazleys Waggler war keine neue Idee. Schon 1907 berichtete Walter Gallichan in „The Complete Fisherman“: „Viele Angler in Norfolk benutzen keine Posenringe am Schwimmer, sie ziehen einfach die Hauptschnur durch eine kleine Öse am unteren Ende. Ob diese Vorgehensweise das Werfen verbessert, kann ich aus eigener Erfahrung nicht sagen. Es ist vermutlich, wenn man in dieser Art auf Rotaugen fischt, ein schnellerer Anschlag möglich, feine Zupfer sind so besser zu erkennen.“

Comeback des Wagglers

Doch der Waggler geriet in Vergessenheit, erst in den frühen 70er Jahren schlug er in der englischen Anglerszene ein wie eine Rakete. 1973 verfasste Billy Lane einen Rückblick auf die vergangene Wettfisch-Saison für das „Woodbine Anglers Yearbook“: „Im Kampf um die Meisterschaft stellte sich eine neue Angelmethode als absolut unschlagbar heraus. Ich meine natürlich das neue Posen-Modell, das heute allgemein als der Waggler bekannt ist. Es handelt sich dabei um einen langen Pfauenfederkiel, meistens mit einem Auftriebskörper aus Kork oder Balsa im unteren Drittel, der nur am unteren Ende befestigt wird. Das perfekte Hilfsmittel, um auf große Entfernung zu angeln.“

Vor allem Benny Ashurst füllte damals dank selbstgebauter Waggler am Fluss Severn seine Setzkescher. Mit der weitwurftauglichen Pose räumte der Profi selbst bei stärkstem Wind das gegenüberliegende Ufer ab. Seine Konkurrenten schmirgelten nun auch kleine Korkkörperchen und steckten sie an das untere Ende eines Pfauenfederkiels, mit teils abenteuerlichen Bastel-Ergebnissen. Der Wettfischer Ivan Marks erkannte die Marktlücke und konzipierte zusammen mit dem Posen-Hersteller Gerry Woodcock eine professionelle Schwimmer-Serie aus 26 Modellen. Darunter noch heute bekannte Waggler-Typen wie Ducker, Missile, Swinger oder Zoomer. Woodcock fertigte die Marks-Posen aufwändig aus Balsa mit einer stabilen Achse aus Bambus und Antennen aus indischem Sarkandas-Rohr. Ivan Marks’ vorbebleiter Zoomer entspricht wohl am ehesten der heutigen Vorstellung von einem Waggler mit langer, schlanker Spitze und olivenförmigem Auftriebskörper. Doch wie Marks selbst eingestand, ist gerade diese Schwimmerform nicht auf seinem Mist gewachsen. Wettfisch-Cracks aus Peterborough, Robin Harris, Tug und Ken Wilson, tüftelten diesen Posentyp für weite Würfe und bewegtes Wasser aus. Marks nahm mit seinen Wagglern an elf Weltmeisterschaften teil, 1976 belegte er in Bulgarien sogar den zweiten Platz der Einzelwertung. Matchrute und Waggler wurden zur gefährlichen Konkurrenz für die unberingten Stippruten der Kontinentaleuropäer. Im Dezember 2004 starb Ivan Marks im Alter von 67 Jahren als anglerischer Superstar. Er siegte bei mehr Großveranstaltungen als jeder andere Petrijünger auf unserem Planeten. Hinter seinem Angelplatz bildeten sich regelmäßig Menschtrauben von interessierten Sportfischern. Zuweilen drängten sich 1.000 Menschen hinter dem Meister der Matchrute. Sein Auftritt stellte jeden Veranstalter vor logistische Probleme.

Die Spur führt nach Indien

Doch es gibt auch ein Haar in der englischen Waggler-Suppe: Schon in den 60er Jahren berichtete Eric Marshall-Hardy zum Thema „Das Angeln bei Wind“ von einem rätselhaften „Antennenfloß“, das ein gewisser „Monsieur Matout“ erfunden haben soll. Es handelte sich im Grunde um einen aufschraubbaren Kunststoff-Waggler mit untenliegendem Auftriebskörper. Zur Beschwerung ließ sich die Pose mit Schrotkugeln füllen. Bei windrauem Wasser „kann dieser Schwimmer nicht mehr auf jeder Woge herumreiten, sondern nur die Antenne schneidet durch die Wellen, während der Körper schwebend stillsteht.“ Besser lässt sich ein Waggler nicht beschreiben. Doch die Entwicklung des Franzosen Matout war noch keine richtige Wackelpose, denn die Schnur wurde weiterhin mit einem Posenring auch am oberen Schwimmer-Ende befestigt. Aber Marshall-Hardy kannte schon den echten Waggler, denn er erwähnte auch die damals brandneue Liftmethode. Hierbei liegt das unterste Schrotblei der Posenmontage auf Grund auf. Wenn ein Fisch den Köder aufnimmt, legt sich der Schwimmer flach. „Das einzig Neue dabei ist nur der Name und die Tatsache, dass das Floß lediglich am unteren Ende befestigt wird“, grummelte er geringschätzig. Er konnte nicht ahnen, dass diese eigentümliche Schwimmerbefestigung einen weltweiten Siegeszug antreten wird.
Fred J. Taylor samt Bruder Ken und Cousin Joe, allesamt bekannte Schleien-Spezialisten, hatten die Liftmethode bereits in den 50ern an den Wootton Seen in Buckinghamshire perfektioniert. Die Taylors kannten noch keinen Waggler mit Öse: „Das Gerät besteht aus einer Pfauenfederkielpose, die nur am unteren Ende an der Schnur durch einen Plastik- oder Gummiring befestigt wird.“ Leider war auch die Liftmethode samt Waggler-Pose keine Entdeckung der Taylor-Brüder. Ein gewisser H.S. Thomas empfahl die Schwimmermontage am unteren Ende für die Angelei in Indien, und das schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Offensichtlich hatte er sich den Kniff dort bei den Eingeborenen abgeschaut. Also: Wer hat’s erfunden? Die Inder! Gar nicht so abwegig, denn dort lebt der Pfau und wächst das Sarkandas-Rohr, die Baumaterialien der Wackelpose.

Im August-Heft verrät Ihnen Thomas Kalweit, wer zum ersten Mal einen elektrischen Bissanzeiger zum Piepsen brachte.

Fotos: Thomas Kalweit

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