Schwimmende Legenden

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Schwimmende Legenden
Feinste Stippposen: Tesse-Posen, benannt nach einem französischen Meisterangler.

THOMAS KALWEIT über berühmte Posenmodelle.

Andrea Doria, Queen Mary oder Titanic – diese Ozeanriesen kennt jedes Kind. Allerdings ist die Geschichte der winzigen Korkproppen und Balsastoppen, die auf unseren Tümpeln dümpeln, selbst Anglern oft unbekannt. So zum Beispiel die Tesse-Pose, der vielleicht sensibelste Schwimmer der Welt! Im Grunde nicht mehr als ein Balsastäbchen – doch am oberen Ende nicht wie üblich konisch zulaufend, sondern flach abgeschnitten, wie mit der Rasierklinge. Der französische Meisterangler Robert Tesse gewann mit dieser Pose zwischen 1959 und 1975 als Einzelangler drei Gold-, zwei Silber- und drei Bronze-Medaillen bei Weltmeisterschaften. Eine Leistung, die nur der Engländer Allan Scotthorne zwischen 1996 und 2007 mit fünf Einzeltiteln überbieten konnte. Tesse hatte zwei Erfolgsgeheimnisse: seinen Schwimmer und die rote Köderpaste „Mystic“. Der berühmteste Wettangler seiner Zeit gestand ein, einen seiner Weltmeistertitel nur dank dieser nach Klebstoff riechenden Paste errungen zu haben.

Feine Stipppose

Gegen die französische Stipper-Elite mit ihren Tesse-Posen erlitten die Engländer 1966 eine empfindliche Heimschlappe, und zwar am River Thurne. Franzosen, Belgier und Italiener erniedrigten die Matchrutenangler mit ihren unberingten Stippruten regelrecht. Danach hängten die deklassierten englischen Wettangler ihre Matchruten an den Nagel und bestellten sich 12-Meter-Stippen in Frankreich. Alle wollten Tesse-Schwimmer! Auch der berühmte italienische Posenhersteller Milo Colombo begann sein Geschäft mit dem Import der original Tesse-Pose aus Frankreich. Auch alle anderen großen Posenbauer wie Bazzerla und Trabucco bauten nun dieses Erfolgsmodell. Trabucco vertreibt heute als einzige Firma die Tesse-Pose unter der Typenbezeichnung „G T2“ in Deutschland. Die schlanke Balsapose ist vor allem für die widerstandsfreie Fischerei auf kleine Weißfische in stehenden und langsam fließenden Gewässern geeignet, auf scheue Winterrotaugen unschlagbar. Sie war in den 60er und 70er Jahren die erste Wahl für alle Wettfischer. Das Geheimnis des Tesse-Schwimmers ist die flache, wie abgeschnitten wirkende Oberseite. Sie erlaubt es, eine fast überbleite Pose zu fischen, die nur noch am Oberflächenfilm klebt. Beim leichtesten Zupfer reißt die Oberflächenspannung ab, und die Pose taucht unter, die kleine Plastikantenne selbst hat keine Tragkraft. Der Fisch spürt keinen Widerstand, der Biss wird perfekt angezeigt.

Mit dem flach abgeschnittenen Posenkörper „kleben“ die Tesse-Posen regelrecht an der Wasseroberfläche.

Toller Hechtproppen

Eine weitere Pose mit Weltruhm ist der Fishing-Gazette-Schwimmer. Er ist der bekannteste Hechtproppen überhaupt, liegen doch baugleiche Modelle seit über 120 Jahren weltweit in den Angelläden. Die Geschichte der modernen Hechtpose beginnt mit diesem „Fishing Gazette Float“. Erfunden wurde es von R.B. Marston, dem Herausgeber der gleichnamigen, englischen Angelzeitung am Ende des 19. Jahrhunderts. Marston hatte in den üblichen, eiförmigen Hechtproppen einfach einen Schlitz gesägt. Mit einem konisch zulaufenden Holzspieß ließ sich der Schwimmer jetzt in jeder Tiefe auf der Schnur arretieren. Die Firma S. Allcock & Co. aus Redditch brachte die Neuerung damals auf den Markt.

Der bekannteste Hecht-Schwimmer der Welt, die „Fishing-Gazette-Pose“. Erfunden wurde sie vom Herausgeber einer englischen Angelzeitung.

Der große Hechtfischer H. Cholmondeley-Pennell stellte das neue Modell 1885 vor: „Der Schwimmer, eine raffinierte Erfindung von Mr. Marston, hat den Vorteil, dass er schnell durch den Schlitz von der Leine abgenommen werden kann. So kann man ihn durch eine größere oder kleinere Pose austauschen, ohne Zeitverlust oder Köderwechsel.“ Marston, geboren 1853, kaufte 1878 die Fishing Gazette, die bis in die 1950er Jahre erschien. Er kämpfte bis zu seinem Tod 1927 für den Gewässerschutz. Dafür wurde er bereits 1880 bei der Internationalen Fischerei-Ausstellung in Berlin mit einem Diplom ausgezeichnet. Robert Bright Marston hat noch eine weitere Verbindung zu Deutschland: Er wurde von seinem Vater, ebenfalls Angelautor, zur Ausbildung nach Deutschland geschickt. In Bonn drückte er ab 1866 die Schulbank, er fischte ausgiebig an Rhein, Lahn, Ahr und Sieg und stöberte in den Angelläden der Region.

Walker-Farben

Orange-Weiß-Schwarz: Nach Altmeister Dick Walker die beste Farbkombination für den sichtbaren Teil eines Schwimmers.

Welche Posenfarbe sieht man am besten? Diese Frage ließ der Angler-Legende Richard Walker keine Ruhe – so lange, bis er die perfekte Farbkombination ausgetüftelt hatte. Walker experimentierte ausgiebig mit den idealen Posenfarben: Er kam zu der Erkenntnis, dass es keine perfekte Farbe für den sichtbaren Teil des Schwimmers gibt. Doch lassen wir den Großmeister selbst zu Wort kommen: „Offenbar sieht man eine helle Posenspitze am besten gegen eine dunkle Wasseroberfläche, wohingegen man eine dunkle Spitze am besten gegen die Reflektionen der weißen Wolken und des blauen Himmels erkennt. Schwarz, wenn es als alleinige Schwimmerfarbe genutzt wird, verwechselt man zu schnell mit anderen schwimmenden Objekten. Rot sieht schon auf einige Meter Entfernung wie Schwarz aus. Sehr oft wird die Oberfläche auch von kleinen Wellen gebrochen, das ergibt einen hell-dunkelgesprenkelten Effekt; oder die Pose wandert von einem Teil der Oberfläche, der den hellen Himmel reflektiert, in einen Bereich, der dunkle Bäume widerspiegelt. Als Konsequenz daraus, sollte eine universell einsetzbare Pose an der Spitze erst fluoreszierend hellorange bemalt sein, dann folgen ein weißer und ein schwarzer Streifen. Der schwarze Streifen kann auch von einem Posengummi gebildet werden.“ Achten Sie beim nächsten Poseneinkauf also einmal auf diese perfekte Farbenfolge: Orange-Weiß-Schwarz!

Info

Die Tesse-Pose von Trabucco wird in Deutschland von der Firma „J.P. Sportfischerprodukte“ vertrieben: Friedhofstr. 27, 63796 Kahl am Main, Telefon 06188/448737, E-Mail: jpsportfischerprodukte@t-online.de

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