Jan Eggers erzählt, Teil 7

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Obwohl er fast auf der ganzen Welt gefischt hat, wirft Jan Eggers an seinen flachen Poldergräben in Nordholland am liebsten die Spinnrute aus. Bilder: Jan Eggers

Diesmal berichtet der Hechtpapst, wie sich die Hechtangelei in den letzten 60 Jahren verändert hat. Und er verrät sein Lieblingsgewässer…

Sonntagmorgen, 26. Januar um 11 Uhr. Ich will gerade an meinem Kaffee nippen, als ich vom Graben hinter meinem Haus aufgeregte Stimmen höre und auch eine krumme Rute sehe. Zwei Jungangler in einem Boot drillen gerade einen schönen Hecht. Von meinem Grundstück aus gebe ich ihnen noch ein paar praktische Tipps, dann heben sie den etwa 70 cm langen Esox mit ihrem Kescher ins Boot. Ich gratuliere dem Fänger, der mir erzählt, dass das bereits der vierte Hecht an diesem Morgen ist. Zurück im warmen Zimmer denke ich darüber nach, dass in meiner Jugend diese Art des Hechtangelns vollkommen unbekannt war und ich damals nie mit einem Rapala SSR 14 in einem Dorfgraben geangelt hätte. Es haben sich viele Sachen verändert, Material genug für eine neue Geschichte!

Uraltes Raubfischgerät. Oben Jans allererste Hechtrute.
Modernes Schleppgerät von heute.

In den ersten 30 bis 40 Jahren meines Lebens hatte ich komplett andere Ansichten über das Verhalten und die Lebensweise der Fische, die ich inzwischen fast alle revidiert habe. Gerne teile ich meine heutigen Kenntnisse mit den Lesern, sicher wird man dadurch den einen oder anderen Hecht mehr fangen können. So kann ich auch etwas zurückgeben, als Dank für die Fotos, Angeltipps und unglaublichen Begebenheiten beim Hechtangeln, die mir viele Leser zugeschickt haben. Wahrscheinlich werde ich in diesem Beitrag vom Hölzchen zum Stöckchen springen, weil ich noch kein fest umrissenes Bild von diesem Teil habe. Lasst uns beginnen mit Sachen aus meiner Jugend, die ich heute mit ganz anderen Augen sehe.

Sein Taschengeld als Jugendlicher verdiente sich Jan mit dem Fang von Köderfischen.

Sie mögen einen ordentlichen Happen und haben keine Angst vor Stacheln

Ich habe es schon häufiger geschrieben: Als Jungangler verdiente ich mir mein Taschengeld mit dem Fang von Köderfischchen (mit Betonung auf “-fischchen”), für Hechtangler, die meistens keine Zeit oder Lust zum Stippen hatten. Inzwischen weiß ich, dass ich damals einiges an Geld wieder zurück ins Wasser geworfen habe, weil Köderfische zwischen 15 und 25 cm als zu groß zurück ins Wasser gesetzt wurden. Ich hatte grundsätzlich kein Vertrauen in größere Köderfische, bis ich mit eigenen Augen gesehen hatte, was möglich war.

Eines der allerersten Angelfotos, das von mir gemacht wurde, zeigt einen jungen Pike Ferret mit vier Hechten zwischen 50 und 70 cm, die ich in kurzer Zeit auf einen unbeschwerten Abu Reflex-Spinner fangen konnte. Worum es aber eigentlich geht, ist der halb verdaute 40 cm Hecht, von dem noch der Schwanz aus dem Maul des größten Hechtes schaute, als er meinen Spinner packte. So ein Hecht hatte also kein Problem mit einem 20 cm langen Rotauge zum Mittagessen.

Der junge Jan Eggers mit vier Polderhechten, die er auf Spinner fangen konnte. Dem größten Hecht schaute ein kleinerer, schon halb verdauter Artgenosse aus dem Maul.

Früher fischte ich auch nicht mit einem Barsch oder Kaulbarsch auf Hecht. Ich dachte damals, dass die Hechte vor den spitzen Stacheln dieser Fischarten zurückschrecken und sie deshalb in Frieden lassen. Ein Ammenmärchen, großer Unsinn! Bei einer meiner ersten Reisen zum Lough Mask in Irland waren Barsche die einzigen Köderfische, die wir bekommen konnten. Das war kein Problem, wir fingen sehr gut damit.

Lustig fand ich auch die Reaktion eines italienischen Gastanglers, der im Köderfischeimer ein paar Kaulbarsche entdeckte. Seine Meinung nach gab es keine besseren Köderfische auf Hecht. Voller Vertrauen steckte er sie auf den Haken und fing seine Hechte damit.

Ein schönes Praxisbeispiel, dass Hechte kein Problem mit stacheligen Köderfischen von anständigem Format haben, passierte an einem Ringgraben in Medemblik. Mart van Vliet, der Bootsvermieter der Bungalowanlage “De Vlietlanden”, sah dort einmal einen großen toten Hecht treiben und wies mich auf etwas Besonderes hin. Aus dem Maul des Hechtes schaute eine Schwanzflosse. Wir haben den Hecht ans Ufer geholt und einen Zander aus seinem Maul gezogen. Und was für ein Zander: 77 cm!!! Wie lang der Hecht war, wollt ihr wissen? Der war 111cm lang und war leider erstickt.

Dieser 77 cm lange Zander steckte im Maul des 111 cm langen Hechtes. Beide Fische überlebten die Begegnung nicht.
Hier steckt der Zander noch im Hechtmaul.

Vertrauen durch positive Erfahrungen

Zurückblickend auf ungefähr 60 Jahre Hechtangeln denke ich oft: Hätte ich doch meine heutigen Kenntnisse und Geräte in der Zeit von 1955 bis 1980 schon gehabt! Dann hätte ich damals gerne mit modernen Techniken wie Trolling, Deadbaiting, Vertikalangeln und Jerkbaits in den Gewässern gefischt. Ich besitze noch eine alte Old Pal Tacklebox mit alten Kunstködern, darin Schnurspulen mit in die Jahre gekommener Berkley Trilene, und auch meinen allerersten schwimmenden Wobbler, mit dem ich einen Hecht fangen konnte. Damals fand ich diesen 7 cm langen zweiteiligen Wobbler schon ungehörig groß, ich hatte mehr Vertrauen in kleine unbeschwerte Spinner, mit denen ich auch schöne Barsche fing.

Jans allererste Kunstköder. Rechts unten sein erster Wobbler, mit dem er einen Hecht fangen konnte.

Wie viele Angler hängen Kunstköder an ihr Vorfach, in die sie nur wenig Vertrauen haben? Sehr viele! Ich habe hunderte Angelgäste geguidet und ihnen damals empfohlen, Kunstköder zu verwenden, mit denen sie vorher noch nie gefischt hatten. Fingen sie dann damit einen Hecht, wurde dieser Wobbler, Spinner, Popper oder Blinker mehr oder weniger heiliggesprochen. Auch wurde immer darauf geachtet, womit ich fischte und fing. Dann kam schnell die Frage, ob sie ein gleiches Exemplar von mir haben könnten.

Ich wundere mich immer noch darüber, dass viele Kunstköderangler die Farbe ihrer Köder so wichtig finden. Da liegen neue silberne Wobbler unbenutzt in der Tackle Box, trotzdem werden vor allem Fantasiefarben wie fire tiger gefischt. Warum? Sehr wahrscheinlich, weil sie mit dieser Schockfarbe schon gut gefangen haben oder weil ein Angelsportjournalist sehr positiv darüber geschrieben hat. Dem letzten Punkt kann ich beipflichten, ich habe meine positiven Erfahrungen mit fängigen Kunstködern auch mit Lesern geteilt. Man kann die Farbe, Größe, Aktion oder Haltbarkeit eines bestimmten Kunstköders wichtig finden, für mich ist aber die richtige Köderführung das Wichtigste. Wird ein Kunstköder in der richtigen Tiefe mit der richtigen Geschwindigkeit angeboten, ist die Chance auf einen Biss größer, als wenn man bei zu tiefer Führung andauernd am Grund festhängt.

Es gibt verschiedene Faktoren, die auf eine gute Köderführung Einfluss haben. Man muss da nur an Wetter, Strömung, Temperatur und Sichttiefe denken. Bei unterschiedlichen Bedingungen muss die Präsentation angepasst und variiert werden. Wer dann fängt, weiß, dass er es richtig gemacht hat und erhält so Vertrauen. Ich sage oft: “Wer fängt, hat Recht.” Weil nicht jeder Angeltag gleich ist, hier ein sehr wichtiger Praxistipp: Führe ein Angeltagebuch. Ich selbst verwende seit Jahren das Fangbuch, das im Januar der Aboausgabe von FISCH & FANG und RAUBFISCH beiliegt.

Jans Enkel Danny wollte an einem kalten Tag unbedingt mit und fing fünf Hechte.

In anderen Ländern viel gelernt und die Fangformel

Als ich Anfang der 1980er Jahre nicht nur in Kontakt kam mit Fred Buller, sondern auch mit Chefredakteuren von Angelmagazinen und Export-Managern von Firmen wie Mepps, Rapala, Berkley, Zebco und Kuusamo erhielt ich viele Einladungen, um in anderen Ländern auf Hecht zu fischen. Der beste Tipp, um an unbekannten Gewässern Erfolg zu haben, lautet noch immer: “Talk with the locals!”. In den wild strömenden Koski-Stromschnellen in Finnland fischte ich mit anderen Kunstködern, als in den tiefen Stauseen in Spanien. Mein erster Musky packte einen Bucktailspinner, denn ich mit einer “figure eight” direkt am Boot angeboten habe. Eine wichtige Sache habe ich beim Fangen von Hechten in 21 Ländern gelernt: Die grundsätzlichen Verhaltensweisen von Esox lucius sind überall gleich. Sie lassen sich mit lebendem und totem Köderfisch und auch Kunstködern überall gut fangen, sofern die Köder richtig angeboten werden. Als Europa-Berater für die Fachzeitschrift “The In-Fisherman” hat mich deren Erfolgsformel F + L + P = S immer beeindruckt. Für alle, die diese an alle Bedingungen anpassbare Formel noch nicht kennen, eine kurze Erklärung. F Steht für Fisch. Je mehr man über Lebensweise und Verhalten einer Fischart weiß, desto eher wird man den richtigen Köder auswählen können. Auch die Stellen, wo sich die Fische zu verschiedenen Zeiten des Jahres aufhalten, sind von Bedeutung. Deshalb steht L für Location. Weiß der Angler, wo die Hechte im Frühjahr ablaichen, dann ist die Chance, sie genau dort kurz nach der Schonzeit zu fangen, sehr groß.

Hechte mögen keine Wassertemperaturen über 22 Grad. Deshalb suche ich in den Sommermonaten immer Angelstellen, an denen kühleres Wasser, etwa durch einen Bach aus den Bergen, in den See fließt. Trotzdem finde ich es auch immer interessant, neue, mehr oder weniger unbefischte Stellen auszuprobieren. Denn der Spruch „Pike thrive on neglect” (Hechte gedeihen, wenn sie vernachlässigt werden) stimmt ganz bestimmt. Ich habe in meinen heimatlichen Poldern in Gräben Meterhechte gefangen, denen ich überhaupt gar keinen Hecht zugetraut habe.

In diesem winzigen Poldergraben fing Jan Eggers zur Überraschung aller einen 107-cm-Esox. Hechte gedeihen, wo sie vernachlässigt werden...

Und dann gibt es noch das P von Präsentation. Für mich ist diese Variable besonders wichtig. Wenn man ein Stück Holz, etwa einen Wobbler oder Jerkbait, einen metallenen Löffel oder Spinner, oder Kunststoffköder aus weichem oder hartem Plastik auf eine verlockende, natürliche Manier anbietet, wird die Chance auf einen Anbiss vergrößert. An einem Angeltag kann sich die fängigste Präsentation durchaus ändert, eine variantenreiche Köderführung ist deshalb durchaus gewünscht. Wer diese drei Variablen der Formel gut in der Praxis umsetzen kann, bei dem vergrößert sich die Chance auf “S” (Success = Erfolg) enorm. Ausprobieren!

Was sich sonst noch verändert hat

Wenn ich meine Augen schließe und halb im Traum meine Erlebnisse mit Freund Esox lucius Revue passieren lasse, erinnere ich mich noch an weitere interessante Begebenheiten. Ich möchte sie gerne mit den Lesern teilen. Eine der größten Veränderungen in den Köpfen der niederländischen Angler war die Einsicht, dass wir schonend mit den Hechten umgehen müssen. Der nimmersatte Räuber, der aus dem Wasser entfernt werden musste, wurde zur Gesundheitspolizei für ein gesundes Fischwasser. Hechte müssen inzwischen bei uns wieder zurückgesetzt werden. Dazu hat die Gründung des niederländischen Hechtclubs SNB das Nötige beigetragen. Weil Hechte jetzt zurückgesetzt werden, konnte die Angelsaison auf Hechte ordentlich verlängert werden. Durch Catch & Release haben die Hechte in den Niederlanden jetzt die Chance, zu großen Größen heranzuwachsen. Schon viele FISCH & FANG-Leser haben kapitale Hechte in unseren Poldern, Flüssen und Seen gefangen. Persönlich bedaure ich, dass lebende Köderfische inzwischen verboten sind. Als SNB-Vorsitzender habe ich darüber viele Diskussionen mit Politikern geführt, aber schlussendlich verloren.

Das Logo des von Jan Eggers mit gegründeten SNB ist eindeutig.

Ich habe es schon einige Male geschrieben: Ich habe an den besten Stellen der nördlichen Halbkugel auf Hecht fischen dürfen und ich habe mehr als 1.000 Hechte über der magischen Metermarke fangen können. Ich habe unser Hobby auf den großen irischen Seen wie Lough Mask und Lough Corrib genossen und vor allem auch die Iren. Über die vielen Möglichkeiten auf den riesigen Gewässern in Nord-Kanada wie Nueltin, Great Slave Lake und dem Taltson River werde ich demnächst auch noch einen Artikel schreiben. Über die Broads in England, die Ostsee mit ihren Schärengärten, Lake Michigan oder Lake Inari in Finnland kann ich auch nur schwärmen. Vielleicht kommt die Frage: Wo fühlst Du Dich als Hechtangler am meisten daheim, am glücklichsten? Dann ist meine ehrliche Antwort: Hier in den flachen holländischen Poldergebieten! Ja, ich bin ein echtes Polderkind!

Jan Eggers

Zum Teil 6…

Jan Eggers in seinem Element: Düker sind die besten Winterfangplatze für gute Polderhechte.
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