Einfache Nottingham von Hildebrand

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Wunderbar seidig schimmert die Maserung des Holzes. Alte Nottinghamrolle von Hildebrand-Wieland in München?

Kürzlich entdeckte ich diese hübsche Holzrolle auf ebay. Die kreisrunden Knebelschilde mit den Bein-Knäufen und vor allem eine verräterische Lötstelle auf der Messinghalterung der Rückseite erregten meine Aufmerksamkeit.

Nach zähen Verhandlungen konnte ich sie halbwegs preiswert erwerben. Sie wurde vor den Weltkriegen am südhessischen Rhein gefischt. Offenbar ist die Halterung auf der Rückseite nach jahrelangem Gebrauch einmal ausgebrochen und der frühere Besitzer hat sie etwas versetzt wieder angeschraubt. Die Form der Messinghalterung ist sanduhrförmig und damit sehr ungewöhnlich. Keine Ahnung, ob es so etwas von Hildebrand gegeben hat. Auf dem Messing ist eindeutig eine bogenförmige Lötstelle zu erkennen. Hier war offenbar einmal eine Schnurführung (Line Guard) aus dickem Kupfer- oder Messingdraht angelötet, wie sie bei deutschen Holzrollen (etwa von DAM) häufiger üblich war.

Die Messingrückwandhalterung ist sanduhrförmig. Sie wurde offenbar einmal versetzt, weil die alten Schrauben ausgebrochen waren. Deutlich sind noch Reste der ursprünglichen Lackierung aus Schellack oder Leinöl-Firnis zu erkennen.
Verräterische Lötstelle: Hier befand sich offenbar früher ein Heintz-Schnurleiter, eine Schnurführung aus dickem Messingdraht.

Runde Knebelschilde

In einem Hildebrand-Katalog von ca. 1906 entdeckte ich diese oder eine extrem ähnliche Rolle dann nach kurzer Recherche. Durch die runden Knebelschilde, die es so ganz selten gibt, ist sie gut anzusprechen. Sie wird als „einfache Nottingham-Holzrolle, eigenes Fabrikat“ mit 8,5cm Durchmesser darin aufgeführt. Beim Nachmessen des Durchmessers ist darauf zu achten, dass damals fast immer der maximale Durchmesser der Rolle angegeben wurde, also vom Fuß bis zur gegenüberliegenden Spulenkante, nie nur der Durchmesser der Spule.

Sehr ähnliche Holzrolle aus dem Hildebrand-Wieland-Katalog von 1906. Besonders charakteristisch sind die kreisrunden Knebelschilde.

Damals gab es Hildebrand-Holzrollen in verschiedenen Qualitäten/Ausführungen, die sich in Material und Bauweise deutlich unterschieden:

  • einfachstes Modell ohne Hemmung mit kreisrunden Knebelschilden
  • Modell mit Hemmung und dachförmig spitz zulaufender Strebe (strap back), linsenförmige Knebelschilde
  • Feinstes Modell mit zusätzlichem Slater-Aushebemechanismus, linsenförmige Knebelschilde

Schnurführung gegen Aufpreis

Für eine Mark Aufpreis konnten alle Qualitätsstufen vom Hersteller mit einem „Schnurleiter nach Dr. Heintz“ versehen werden, verrät der Hildebrand-Katalog. Dr. Heintz schrieb dazu 1903 in seinem Angelsport: „Nottinghamrollen lassen sich leicht mit einer einfachen Schutzvorrichtung von Messingdraht (line guard nach Bickerdyke) versehen.“ Bickerdyke Schnurführungen wurden einfach mit zwei Schrauben ins Holz geschraubt. Die Heintz-Variante wurde offenbar angelötet.

Offensichtlich besaß meine Rolle einmal diesen Schnurleiter, er ist aber mit den Jahren verloren gegangen oder entfernt worden. Die hier gezeigte Rolle ist jedenfalls von der Holzqualität einzigartig, sie ist wunderbar leicht, die Maserung (Nußbaum oder Mahagoni?) leuchtet seidig im Sonnenlicht. Ich habe viele Holzrollen, aber dieser alte, geschundene „Krieger“ ist wirklich ein ganz tolles Teil!

Wer weiß mehr über diese Rolle? Infos an thomas.kalweit@paulparey.de

Holzrollen mit Schnurleitern aus: Dr. Heintz, Angelsport im Süßwasser, 1903.
Die Holzrolle besitzt zahlreiche Reparaturstellen. Sie wurde von ihrem Besitzer offenbar sehr geliebt. Man spürt diese Wertschätzung, wenn man die Rolle als Sammler heute in die Hand nimmt.
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