Uraltes Wickelbrettchen

311
Zylindrisches Wickelbrettchen aus Buchsbaum aus der Zeit um 1770-1850. Außen konnten Montagen mit Posen aufgewickelt werden. Links wurde der Zylinder aufgeschraubt, um darin Haken und Schrote trocken zu verwahren.

Vor ein paar Tagen habe ich hier im Sammlerblog die neue „Wickelbrettchen-Bibel“ von Jeff Della Mura vorgestellt.

Daraufhin hat sich Gerhard Dee gemeldet. Per Mail schrieb er: „Hallo Thomas, hier sind noch ein paar Bilder von einem außergewöhnlichen Wickelbrettchen-Exemplar aus der England-Sammlung meines Bruders Ludger. Es handelt sich um ein dekorativ gefertigtes Holzröhrchen, um das sternförmig sechs Wickelbrettchen angeordnet sind. Das ca. 15 cm lange Röhrchen hat einen Durchmesser von 2,5 cm. Wenn man den oberen Stopfen herauszieht, können darin Posen, Haken und Bleie untergebracht werden. Darüber hinaus lassen sich dank der äußeren Wickelbrettchen 6 bereits vorbereitete Montagen mitführen. Das Ganze ist sehr filigran gearbeitet und es ist nicht einfach, unbeschädigte Stücke zu finden. Mein Bruder hatte das Glück, sein Exemplar mit dem originalen Schutzköcher aus Pappe zu bekommen. Deshalb ist der Zustand auch noch recht ordentlich. Uns würde interessieren, ob diese Art von Wickelbrettchen ebenfalls in der „Bibel“ vorgestellt wird und wenn ja, aus welcher Zeit es stammt und was sonst noch darüber angemerkt ist. Herzliche Grüße, Ludger und Gerhard“

Hallo Ludger, hallo Gerhard, ich habe gleich einmal nachgeschlagen. Im Kapitel „George III 1760-1820“ werden diese „cylinder winder“ oder „cylindrical tackle compendiums“ aus Buchsbaum ausführlich vorgestellt. Angeblich sollen diese Modelle erstmals von französischen Kriegsgefangenen aus den Napoleonischen Kriegen (1803-15) hergestellt worden sein, schriftliche Quellen zeigen nämlich, dass sie bei den Engländern noch um 1860 eher als Kuriositäten galten. In England waren damals etwa 100.000 Kriegsgefangenen aus Frankreich und Amerika interniert, die sich mit kunstvollen Schnitzereien etwas dazuverdient haben. 1826 findet sich im französischen Buch Les Amusements De La Campagne“ von Paulin Desormeaux sogar eine Bauanleitung für ein solches Modell. Daher wurde lange Frankreich als Herkunftsort der Idee angenommen.

Della Mura hat aber auf einer Visitenkarte von Bartholomew Lowe aus dem Jahr 1767 – der Herr war Angelgerätehändler in London – eine Abbildung eines zylindrischen Wickelbrettchens gefunden. Sie waren also schon vor den napoleonischen Kriegen in England bekannt. Della Mura konnte auch ein Exemplar von 1776 finden, ebenfalls von einem Londoner Händler.

Oben konnten die Zylinder übrigens aufgeschraubt werden, um Schrote und Haken darin zu verstauen, manchmal finden sich auch Schnurspulen darin. Gute Exemplare besitzen alle eine runde Pappdose, die innen manchmal mit Tinte mit dem Hersteller beschriftet ist. Schaut noch einmal genau nach! Es wurden übrigens sogar „cylinder winder“ aus Elfenbein hergestellt. Diese sind besonders wertvoll. Ich hatte als Jugendlicher mal ein dickes Buch aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, dort war ein sehr urtümliches Elfenbein-Exemplar aus dem späten deutschen Mittelalter/frühe Neuzeit abgebildet. Diese Geräte sind also schon länger in Gebrauch und ganz sicher auch aus Europa nach England gelangt. Beste Grüße Thomas

Wer hat weitere Informationen? Bitte per Mail an thomas.kalweit@paulparey.de

Der originale Pappzylinder zur sicheren Aufbewahrung ist besonders selten. Oben die Buchsbaum-Schraube zum Öffnen des Zylinders.
Sicher verstaut waren auch die Posen aus Federkielen vor Beschädigung geschützt.
ANZEIGE
Abo Fisch&Fang