Quappen, die Eisbären unter den Fischen

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„Quappen-Papa“ Helmut Speckmann im Einsatz auf der AVN Teichanlage in Neustadt am Rübenberge. Er begleitet seine Schützlinge vom Ei bis zu einer Größe von fünf Zentimetern und ist damit engagierter als die Elterntiere: In der Natur lassen diese ihren Laich einfach zu Boden sinken und kümmern sich nicht weiter darum. Eine ausgewachsene Quappe kann bis zu 90 cm groß und 5 kg schwer werden. Bild: Florian Möllers (AVN)

Die Angler in Niedersachsen engagieren sich für den Erhalt einer frostbedürftigen Fischart.

Dorsche kennt man eigentlich aus dem Meer. Doch hätten Sie gewusst, dass in unseren Flüssen die einzigen heimischen Süßwasserdorsche schwimmen? Jedenfalls noch. Denn obwohl Quappen die produktivsten Süßwasserfische sind, ist ihr Artbestand deutschlandweit gefährdet. Lebensraumverluste und der Klimawandel machen dem kälteliebenden Unterwasserräuber zu schaffen. Der Anglerverband Niedersachsen (AVN) möchte das Verschwinden dieses beeindruckenden Fisches nicht hinnehmen. In einem Artenschutzprojekt setzen sich Biologen und Angelvereine des AVN dafür ein, dass in Weser, Aller und Leine auch künftig Quappen zu Hause sind. Seit Frühjahrsbeginn werden nachgezüchtete Fischlarven ausgewildert oder in Aufzuchten gebracht. Sie können heimische Symboltiere, für mehr Klimaschutz sein. Heute hat auch Hannovers Regionspräsident Hauke Jagau geholfen, junge Quappen in die Leine auszubringen und äußerte lobende Worte für das Engagement von Anglerinnen und Anglern.

Nicht nur der Name ist eigentümlich

Sie ist braun marmoriert, hat einen walzenförmigen Körperbau und trägt am Kinn einen einzigen Bartfaden. Die Quappe (Lota lota) ist schon rein äußerlich mit keinem anderen Süßwasserfisch vergleichbar. Doch auch ihr Verhalten lässt uns staunen. „Höchste Zeit, dass mehr Menschen auf dieses Wunder der Schöpfung aufmerksam werden, bevor es unbemerkt unter der Wasseroberfläche verschwindet“, findet Helmut Speckmann, der beim AVN für die Nachzucht und Wiederansiedlung der bedrohten Fischart arbeitet. Aus 28 wilden Elterntieren gewannen er und das AVN Team in diesem Jahr rund 400.000 Larven. Ein Teil des Nachwuchses wurde bereits im März in Niedersachsen ausgewildert. Mehrere Tausend junge Quappen wurden von Speckmann weiter aufgepäppelt um dann in den nächsten Tagen im Wesereinzugsgebiet ausgesetzt zu werden. Doch ist das „Quappen-Papa-Sein“ kein leichtes Unterfangen.

Manche mögen‘s kalt

20°C ist bei vielen von uns Menschen Wohlfühltemperatur. Ganz anders verhält es sich bei der Quappe, die sich ab diesem Wert so unbehaglich fühlt, dass sie sogar die Nahrungsaufnahme verweigert und nur noch von ihren Energiereserven lebt. Umgekehrt ist sie in kalten Winternächten ein hoch effizienter Raubfisch und kommt erst bei Wassertemperaturen unter 4°C in Paarungslaune. Das Signal zum Ablaichen bekommen die Weibchen im Januar und Februar, wenn es hierzulande am kältesten ist. Auch auf der Teichanlage des AVN sind die Fische auf eisige Laichtemperaturen angewiesen. Diese Biologie erklärt auch, warum der Klimawandel dem Süßwasserdorsch so zu schaffen macht, obwohl ein einziges großes Weibchen über eine Million Eier pro Saison ablegen kann.

Frisch geschlüpfte Quappen (auf diesem Bild teils noch im Ei, teils schon geschlüpft) sind zunächst mundlos und so winzig, dass selbst Büschelmückenlarven (deutlich größeres Tier in der Bildmitte) zum gefährlichen Fressfeind werden. Als ausgewachsene Fische werden Quappen dann selbst zum Räuber. Bild: Florian Möllers (AVN)

Vom hilflosen Winzling zum stattlichen Raubfisch

Das kuriose Larvenstadium junger Quappen lässt erahnen, warum aus unzähligen Eiern in der Wildbahn manchmal nur ein Tier überlebt. Beim Schlüpfen messen die Fischbabys winzige drei Millimeter und können weder aktiv schwimmen, noch fressen. Ihre Maulspalte hat sich erst nach ca. 10 Tagen vollständig entwickelt. Bis dahin liegen sie am Gewässergrund oder treiben im Wasser, zehren von ihrem Dottersack und sind so hilflos, dass sogar Mückenlarven zum Fressfeind werden. Erst nach etwa vier Wochen geht die juvenile Quappe zu einer bodenorientierten Lebensweise über und wird innerhalb kurzer Zeit zu einem geschickten Jäger, der auch andere Fische verspeist. Das Wachstum ist enorm: Binnen sechs Monaten kann sich das Streichholzkopf kleine Minifischlein zu einem 20 Zentimeter großen Raubfisch entwickeln, der am Ende seiner Entwicklung 90 Zentimeter messen kann. Speckmann und Team pflegen ihren Nachwuchs bis zu einer Länge von fünf Zentimetern. Dann sind die Tiere stark genug, um sich in ihrem natürlichen Habitat zu behaupten.

Quappen als natürliche Schädlingsbekämpfer

Die räuberische Eigenschaft von Lota lota kann auch beim Einsatz gegen invasive Arten eingesetzt werden. Derzeit erleben viele Flüsse in Deutschland eine Plage mit der Schwarzmundgrundel. Diese Fischart aus dem Bereich des Schwarzen Meeres wurde über Flüsse und Kanäle im Ballastwasser von Schiffen eingeschleppt. Hierzulande sind die ungebetenen Gäste regelrechte Fressmaschinen, die sich mehrmals pro Jahr vermehren. „Quappen stellen diesen Plagegeistern von allen Raubfischen am erfolgreichsten nach“, erklärt der AVN Biologe Matthias Emmrich. Auch aus diesem Grund ist es sinnvoll, die heimischen Jäger wieder vermehrt in unseren Gewässern zu etablieren.

Ohne Angler wäre es längst „Quappen-Duster“

Der Hannoveraner Regionspräsident Hauke Jagau betonte, dass er sich den Leistungen von Anglerinnen und Anglern für den Artenschutz bewusst sei und bedankte sich dafür. Solch lobende Worte finden in Deutschland aber sicher nicht alle Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Naturschutz. Jan Schiffers vom Angelsportverein Luthe führte darum noch einmal aus: „In den 70ger Jahren fanden sich in der Leine nur noch vier Fischarten.  Heute sind es Dank der Bemühungen von Angelvereinen wieder 40 verschiedene Arten. Es stimmt, wir Angler fangen und essen Fische. Aber die Probleme der Quappe und weiterer Arten am Wasser – egal ob Fisch, Insekt, Säugetier oder Vogel – begannen schon vor 1000 Jahren, als Menschen damit anfingen unsere Auenlandschaften mehr und mehr zu zerstören. Diese Degradierung erlebt nun ihren Höhepunkt. Insofern helfen Angelverbote bedrohten Arten nicht weiter.“

Angler und Hannovers Regionspräsident Hauke Jagau (rechts) wildern rund 200 bedrohte Quappen in der Leine aus. Bild: Eva-Maria Cyrus

Symbolart für den Klimaschutz

Finanziert wurde das im Jahr 2016 gestartete Artenschutzprojekt von der niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung. Jetzt trägt sich die aufwendige Zucht der Quappen durch den Verkauf von Tieren an engagierte Angelvereine, die diese dann in ihre Flüsse einbringen. Auch beim Fang der Elterntiere unterstützten regionale Angelvereine. Speckmann und Team sind dankbar für diese Hilfen. Offen ist jedoch, was mit den Quappen passiert, wenn der Klimawandel weiter fortschreitet. Da die Tiere Kälte zum Ablaichen benötigen und bei zu hohen Temperaturen nichts fressen können, sind sie eine heimische Symbolart, die uns daran erinnert, die Pariser Klimaziele besser fest im Auge zu behalten. Also ganz ähnlich dem Eisbär – nur direkt vor der Haustür.

-pm-

Bild: Florian Möllers (AVN)
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