Nordfriesland: Plattes Land, pralle Kescher

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Hecht
Zeig die Zähne: Hechte lauern vor allem in den Sielzügen der Region. Gute Chancen hat, wer den Köder am Schilf anbietet.
Karpfen
Man mag Mais: Ein gut achtpfündiger Schuppenkarpfen aus dem Bottschlotter See fiel bei Sturm auf die gelben Körner herein.
Zander
Man mag Mais: Ein gut achtpfündiger Schuppenkarpfen aus dem Bottschlotter See fiel bei Sturm auf die gelben Körner herein.
Schöpfwerk
Man mag Mais: Ein gut achtpfündiger Schuppenkarpfen aus dem Bottschlotter See fiel bei Sturm auf die gelben Körner herein.

Angeln für umgerechnet acht Pfennige am Tag – wo gibt’s das noch? In der nordwestlichsten Ecke der Republik! Denn in der Gegend um den Luftkurort Niebüll ist für den Petri-Jünger die Welt noch in Ordnung.

By Harald Keller

Über das platte Nordfriesland wird gern gespöttelt, man könne schon am Mittwoch erkennen, wer Sonntag zu Besuch komme. Mag schon sein. Doch welcher Fisch als nächster beißt, kann auch hier kein Petri-Jünger sicher vorhersagen. Zu artenreich sind die Bestände in den Seen und Sielzügen im Grenzgebiet zu Dänemark.

Dass Angelqualität nicht teuer sein muß, wird dem Gast schon beim Kauf der Lizenz klar. Nur 30 Mark muß er jeweils für einen der beiden möglichen Jahresscheine berappen. Anderenorts bekommt er dafür lediglich eine Tages- oder höchstens eine Wochenkarten.

Der Start ins Vergnügen beginnt mit der Entscheidung, ob im Gebiet nördlich oder südlich der Stadt Niebüll gefischt werden soll, denn für beide Reviere gibt es jeweils einen eigenen Schein. Aus der Angebotsvielfalt im Süden am interessantesten sind der Bottschlotter See, die Lecker und die Soholmer Au sowie der Bongsieler Kanal, der von beiden Auen gespeist wird.

Nach Norden hin laden vor allem die Schmale und das Hülltofter Tief zum Besuch ein. Beides übrigens irreführende Namen, denn weder ist der Sielzug Schmale mit 20 bis 30 Meter Breite sonderlich schmal noch wird am See eine Laufpose benötigt: Nirgends ist es im vermeintlichen „Tief“ wirklich tiefer als 1,80 Meter.

Hechtparadies Sielzüge

Hechtfans starten am besten mit Köderfisch oder Spinnköder an einem der Sielzüge, die der Entwässerung des intensiv landwirtschaftlich genutzten Marschbodens dienen. Vor allem an der Schmale bieten kilometerlange gelege- und schilfreiche Ufer Hechteinstände in Hülle und Fülle. Je näher man dabei am Schöpfwerk Verlath angelt, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit von Zander-Beifängen.

Wer allerdings gezielt auf den Räuber mit den Hundszähnen angeln will, versucht es besser am Bottschlotter See oder Hülltofter Tief. In beiden Seen ist das Wasser praktisch immer trüb, weil deren Untergründe aus altem, kleihaltigem Meeresboden bestehen. Etwas Wellenbewegung, und die Gewässer sehen aus wie Kaffee mit einem Schuß Sahne; Augenräuber Esox machen solche Bedingungen Probleme; Zander hingegen jagen gern im Trüben. In beiden Gewässern ist toter Köderfisch der beste Verführer für Kammschupper.

Der Barsch als dritter Räuber im Bunde kommt ebenfalls in fast allen nordfriesischen Gewässern vor, allerdings nur selten in ansehnlichen Größen. Die besten Chancen auf einen fetten Raubritter bestehen noch beim Twistern im Bongsieler Kanal.

Dieser 50 Meter breite Wasserlauf ist auch unter Stippanglern beliebt. Denn selbst in der kalten Jahreszeit ist hier einiges zu holen. Filigranes Gerät wie 20er Haken oder 08er Vorfächer lässt man aber besser zu Hause. Insbesondere, wenn Brassen von drei bis vier Pfund den Anfütterplatz gefunden haben, werden Drillfertigkeit und -festigkeit auf eine harte Probe gestellt.

Eine anglerische Spezialität in den Fließgewässern und Kanälen im hohen Nordfriesland sind die ausgezeichneten Aland-Bestände. Vor allem die Schmale garantiert im Frühjahr prächtige Fänge, vorausgesetzt, man hat seinen Haken mit einem Tauwurm oder Brotflocken bestückt. Vierpfündige Exemplare sind nicht ungewöhnlich. Auch beim Karpfenangeln sind diese Verwandten des Rotauges regelmäßiger Beifang. Wer glaubt, ein Boilie wäre dieser Weißfischart zu hart, wird bald eines besseren belehrt.

Wo Karpfenangler ihre Ruhe finden

Apropos Karpfen: 50pfünder im Bottschlotter See, der Schmale oder dem Hülltofter Tief zu erwarten, ist unrealistisch. Doch alle drei Gewässer bieten so gute Bestände, dass sogar Karpfenangler aus dem Nachbarland Dänemark hierher reisen, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Kapitale Exemplare sind jederzeit möglich, ohne dass ein Krieg um die besten Angelstellen entbrennen muß – schließlich gibt es genug davon.

Der Durchbruch bei der Pirsch auf die großen Karpfen gelang 1988: Am Bottschlotter See hatten Angler erstmals konsequent mit Boilies gefüttert und gefischt. Die kleinsten der zahlreichen Karpfen, die sie damals landeten, wogen 13, viele überschritten die sogar 20-Pfund-Marke. Fische von dieser Größe sind auch heute immer drin.

Das Hülltofter Tief ist deutlich kleiner als der Bottschlotter See, bietet aber mindestens ebenso gute Möglichkeiten, den dicken Brummern nachzustellen. Ähnlich aussichtsreich ist die Schmale, die über einen kleinen Kanal mit dem „Tief“ in Verbindung steht. Allein im vergangenen Jahr produzierte sie einige Fische um 30 Pfund. Während in den Seen überwiegend auf große Distanz gefischt wird, findet das Geschehen in diesem Sielzug im Nahbereich statt, wodurch sich die Drills um Längen nervenaufreibender gestalten.

Für die Karpfenpirsch in der Schmale sollten Tage mit vorangegangenen heftigen Regenfällen gemieden werden. Dann nämlich wird das Wasser über das Schöpfwerk Verlath in den Rutebüller See gepumpt. Die so entstehende rasante Strömung im Siel schmeckt den Fischen überhaupt nicht.

Wer in der Schmale oder dem Hülltofter Tief einmal einen ausgesprochen schlanken „Schuppi“ fängt, hat einen Wildkarpfen vor sich. Diese Fische wiegen meist zwischen acht und 15 Pfund. Wegen der kühlen Witterung pflanzen sie sich nicht in jedem Jahr fort, sind also recht selten. Deshalb unbedingt zurücksetzen!

Wer den Jahresschein für den südlichen Teil erwirbt, dem wird in den Bestimmungen für die Oberläufe von Lecker und Soholmer Au die Bezeichnung „Salmoniden-Gewässer“ auffallen. Hier schwimmen tatsächlich Forellen. Doch wer die Pirsch auf die Fische mit der Fettflosse richtig genießen möchte, ist an den von hier aus leicht erreichbaren Bächen im angrenzenden Dänemark besser aufgehoben. Diese haben einen naturnäheren Charakter als die eingedeichten Auen kurz unterhalb der Grenze. Die Vidå und die Bredå lohnen allemal die paar Kilometer mehr Anfahrt und die zusätzlich erforderlichen Angelscheine (jeweils etwa 15 Mark/Tag).

Infos

Unterkunft:

Fremdenverkehrsgemeinschaft Südtondern, Rathausplatz, 25899 Niebüll, Tel. 04661/9410-13/-14/-15, Fax 04661/8595.

Angeltipps & Erlaubnisscheine:

Angelgeräte Pörksen, Rosenkranzer Str. 2, 25927 Aventoft, Tel. 04664/951510, Fax 04664/1400; Deich- und Hauptsielverband, Hauptstraße 12, 25899 Niebüll, Tel. 04661/

6200.

Fischarten:

(Mindestmaß in Zentimetern/Schonzeit): Hecht und Zander (40/1.2.-15.6.), Aal (35/keine), Karpfen (35/keine), Schleie (20/keine), Forellen (30/keine), Meerforellen (40/keine). Es gilt eine Winterschonzeit vom 1.10. bis 31.12. für alle Gewässer außer dem Bottschlotter See, dem Hülltofter Tief und dem Rutebüller See.

(Stand 1999)

Foto: Verfasser

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