Meerestrauben: Delikatesse aus dem Ozean

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Die kleinen Kugeln der Meerestraube zerplatzen im Mund wie Kaviar. Bilder: L. Stuthmann/ZMT

Eine neue Studie des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) zeigt anhand von Meerestrauben, einer Algenart aus dem Indopazifik, wie der Nährstoffgehalt durch mehr Licht gesteigert werden kann.

Die Untersuchung wurde im Fachjournal Algal Research veröffentlicht. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung voraussichtlich auf rund 10 Milliarden Menschen ansteigen. Mit diesem Wachstum muss die Nahrungsmittelproduktion Schritt halten. Die Ozeane mit ihrem großen, vielfach noch ungenutzten Potential als Nahrungsquelle werden für uns Menschen immer wichtiger. Eine nachhaltige Nutzung der marinen Ressourcen ist allerdings unumgänglich.

Algen stehen am Anfang der Nahrungskette im Meer und können mit wenig Aufwand und sehr nachhaltig produziert werden. Eine neue Studie des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) in Kooperation mit der Arbeitsgruppe Meeresbotanik der Universität Bremen zeigt anhand von Meerestrauben (Caulerpa lentillifera), wie im Hinblick auf die Ernährung die Qualität von Algenprodukten noch verbessert werden kann.

Grüner Kaviar

Algen weisen ein wertvolles Nährstoffprofil auf: wenig Kalorien, dafür einen hohen Gehalt an Eiweißen und ungesättigten Fettsäuren sowie viele Mineralsalze, Vitamine und Spurenelemente. Meerestrauben, auch „Grüner Kaviar“ genannt, besitzen zudem ein hohes antioxidatives Potential. Sie zeichnen sich durch ihre besondere Form aus: Die kleinen, runden Kugeln, die an einer Rispe hängen, schmecken leicht salzig und zerplatzen im Mund wie Kaviar.

Die Aquakultur von Meerestrauben wurde in den 1950er Jahren eher zufällig begonnen, als Fisch-Farmer in den Philippinen feststellten, dass diese Algen in Fischteichen gut wachsen können. Mittlerweile wird das Meeresgemüse unter anderem auch in Japan und Vietnam angebaut.

In Asien werden Meerestrauben oft zum Sushi gegessen.

Mehr Nährstoffe durch mehr Licht

Sind grüne Algen wie Meerestrauben hoher Lichtstrahlung ausgesetzt, entstehen in ihnen schädliche freie Radikale. Die Algen bilden zum Schutz dann vermehrt Antioxidantien, wie Vitamin C und E, β-Carotin und verschiedene Polyphenole, Stoffe, die ihr Nährstoffprofil für uns besonders wertvoll machen. Solche Antioxidantien sind wesentliche Bestandteile der menschlichen Ernährung und sollen beim Menschen positive Wirkung auf viele Leiden wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Krankheiten haben. Könnten Farmen also eine erhöhte Lichteinstrahlung nutzen, um kostengünstig die Qualität der Meerestrauben zu verbessern? Diese Frage stellte sich Lara Stuthmann, Meeresbiologin am ZMT und Erstautorin der Studie.

Für ihre Untersuchungen setzte sie Meerestrauben für jeweils 14 Tage fünf verschiedenen Lichtintensitäten aus. Anschließend wurde der Gehalt an Antioxidantien photometrisch bestimmt. Die Ergebnisse verglich Lara Stuthmann mit verschiedenen Früchten, wie etwa Granatapfel, Goji- und Aronia-Beeren, die bekannt sind für ihren hohen Anteil an Antioxidantien und deshalb als “Superfrüchte“ gelten.

Kann mit „Superfrüchten“ mithalten

Tatsächlich lässt sich bei den Meerestrauben der Gehalt an Antioxidantien durch gezielte Bestrahlung mehr als verdoppeln bis zu Werten, wie sie auch in den Kernen von Granatäpfeln vorkommen. „Lichteinstrahlungen als günstiges und einfaches Mittel, um den Gehalt an Antioxidantien von Algen zu steigern, haben ein großes Potential. Auch für andere Algen ist diese Anwendung denkbar”, meint Stuthmann. „Allerdings kann es abhängig von der Höhe der Strahlung auch zu einer Bleichung der Meerestraube kommen.” Deshalb sollte die Lichtbestrahlung und die Dauer der Behandlung je nach beabsichtigter Verwendung der Algen – beispielsweise in Kosmetika oder als Nahrungsmittel – angepasst werden.

Mehr als 10.000 verschiedene Arten von Algen sind bekannt, jedoch werden in über 90 Prozent der Algenkulturen nur acht verschiedene Algengattungen gehalten. Viele werden vor dem Verzehr getrocknet, um bestimmte Moleküle wie Karrageen oder Agar zu extrahieren, die als Gelier- und Verdickungsmittel genutzt werden. Für den direkten Verzehr sind nur wenige geeignet.

Angenehmes Gaumenerlebnis

„Das besondere an Meerestrauben gegenüber den meisten anderen Makroalgen ist ihre Wuchsform und Konsistenz, die sie zu einem sehr angenehmen Gaumenerlebnis machen. Sie lassen sich leicht vermehren und wachsen schnell”, so Dr. Karin Springer von der Universität Bremen, Co-Autorin der Studie. „Meerestrauben könnten als eine Quelle für Proteine, Antioxidantien und andere Nährstoffe deshalb auch einen Platz auf unserem deutschen Speiseplan finden.”

In Japan, Vietnam und China sind Meerestrauben sehr gefragt und werden dort roh mit verschiedenen Soßen, im Salat oder zu Sushi gegessen. In Europa sind sie jedoch noch nicht als Nahrungsmittel anerkannt. Trotzdem werden sie zum Teil schon verkauft – so auch in Bremen – und verschiedene Spitzenköche haben bereits das Potential dieser Alge für ihre Gerichte erkannt.

Meerestrauben könnten sich auch für die Aufzucht in einer integrierten Aquakultur eignen, die verschiedene Zuchttiere und -pflanzen miteinander kombiniert. Diese bilden einen natürlichen Kreislauf, bei dem Futterreste und Abfallstoffe optimal verwertet werden. In Kooperation mit Algenfarmen in Vietnam testet das ZMT beispielsweise eine Co-Kultivierung der Meerestraube mit Garnelen oder der Meeresschnecke Babylonia aerolata, die in Vietnam als Delikatesse gilt.

-Pressemitteilung Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung-

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