Hinkert-Rute aus München

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Diese Rute von Hinkert wurde schon aus Bambus hergestellt. Die Ringwicklungen bestehen aus robuster Kordel und wurden damals recht grob mit Schellack lackiert. Sie stammt aus der Zeit kurz von 1862.

Die Münchner Firma Heinrich Hinkert soll der Vorgängerbetrieb der Drechslerwerkstatt Heinrich Hildebrand gewesen sein, die offiziell 1843 gegründet wurde. So heißt es jedenfalls.

Der Kunstdreher und Drechslermeister Heinrich Hinkert (Senior) wurde 1816 geboren. Sein Sohn, Heinrich Hinkert Junior (1841-1907), nannte sich im Münchner Melderegister „Fischereigeräthschaftenmacher“, war also noch kein ausgebildeter Drechsler.

Heinrich Hildebrand (1820-1901) soll Schwager oder auch Schwiegersohn der Hinkerts gewesen sein. Er hatte in die Familie eingeheiratet und beim Meister gelernt, anscheinend übernahm er dann auch schon bald als ausgelernter Drechslermeister das Geschäft. So heißt es jedenfalls in der meist mündlichen Überlieferung. Die Sache liegt aber ganz anders, beide Firmen haben einige Jahre parallel bestanden und sich übelst bekriegt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Heinrich Hildebrand bei Hinkerts zum Drechsler ausgebildet wurde.

Ein regelrechter Wirtschaftskrimi

Im Bericht der Beurteilungskomission der Münchner Industrie-Ausstellung von 1854 wird noch ein weiterer Hinkert erwähnt: Dort werden Heinrich Hildebrand und ein Wilhelm Hinkert als Hersteller von Angelruten besonders gelobt. Wilhelm Hinkert wird als pensionierter königlicher Hofgärtner bezeichnet, er könnte der Vater von Heinrich Hinkert Senior sein, Genaues weiß man aber nicht. In den Neuesten Nachrichten von 1854 heißt es: „Rath Edel sieht sich (…) veranlasst auf das Gesuch des pensionierten Hofgärtners Hinkert um eine Lizenz zur Anfertigung von Angeln und Fischgeräthen zurückzukommen, und bemerkt hiegegen, daß Drechslermeister Hildebrand fragliche Angelgeräte schon seit 12 Jahren in höchst vollendeter Eigenschaft fertige und daß sie denen des Hinkert in keiner Weise nachstehen.“ Offenbar gab es Lizenzstreitigkeiten über die Produktion von Angelruten zwischen Hinkert und Hildebrand. Der Münchner Rat wollte damals für die Stadt nur einen Angelgeräte-Hersteller zulassen. Zu der Zeit bestand noch Zunftzwang und Wilhelm Hinkert war anscheinend kein Drechslermeister, durfte das Handwerk also nicht betreiben. Das spricht gegen die Theorie, dass Hinkert der Vorläufer von Hildebrand war und das Heinrich Hildebrand bei ihm gelernt hat (es ist wahrscheinlicher, dass W. Hinkerts Söhne bei Hildebrand gelernt haben). Möglicherweise ist Hinkert aber trotzdem irgendwann mit Hildebrand fusioniert, vielleicht sogar durch Heirat…

Die Zeitung „Bayerische Landbötin“ schrieb 1854 zu dem Streit: „Magistratsrath, Drechsler und Spielwarenfabrikant, Edel kam heute auf den neulichen Beschluss, wodurch der ehemalige Hofgärtner Hinkert mit seinem Gesuche um eine Licenz zum Verfertigen von Angelruthen abgewiesen wurde, zurück. Diese Angelruthen würden von dem hiesigen Drechsler H. Hildebrand schon seit 12 Jahren sehr gut gefertigt, daß sie den Hinkert’schen nicht im Geringsten nachstehen. Das Zeugniß der Industrie-Ausstellung stelle im Gegentheil die Ruthen des Hildebrand besser dar, als die des Hinkert. Übrigens versichert Hr. Ebel, daß Hr. Hinkert diese Angelruthen nur zusammenstelle; die einzelnen Theile lasse er von anderen machen. Man sperre Herrn Hinkert in ein Zimmer, lasse ihn eine Angelruthe aus dem Rohmaterial machen, und man werde sich überzeugen, daß Hinkert diese Prüfung nicht bestehen könne.“ Der Rat Edel war selbst Drechslermeister und ließ kein gutes Haar an dem ungelernten Hinkert.

Hinkerts Gesuch wurde 1855 endgültig vom Münchner Magistrat abgewiesen, das „Bremer Handelsblatt“ schrieb damals dazu: „Probe von den seltsamen Wirkungen des Zunftzwanges aus den Verhandlungen des Magistrates zu München: Das Gesuch des pensionierten Hofgärtners Hinkert um eine Licenz zur Anfertigung von englischen Angelruthen wird abgewiesen. Aus der interessanten Debatte geht hervor, daß Gesuchssteller ausgezeichnete Fischfanggeräte zu machen versteht, daß sie selbst von Engländern als höchst vollendet anerkannt und gekauft werden. Hinkert bezieht hierzu benöthigtes Holz aus Ost- und Westindien. Da jedoch dieser Geschäftszweig den Drechslern zusteht und von dem Drechsler Hildebrand, wenn auch nicht in dieser vorzüglichen Qualitäöt ausgeübt wird, sieht sich der Magistrat unlieb genöthigt, das Gesuch abzuweisen.“

Man hat sich damals dann wohl doch irgendwie geeinigt, denn in „Der Bayerische Landbote“ findet sich noch 1857 eine Anzeige von Wilhelm Hinkert als Angelruten-Hersteller in der Münchner Veterinärstraße. Die Sache ist also komplizierter als gedacht. Im Jahre 1856 erhielt Hinkert von der königlich bayerischen Staatsregierung eine Fabriks-Concession für die Anfertigung von Angelgeräthen, wie eine Anzeige im „Augsburger Tageblatt“ aus dem Jahr verrät. Der Staat hat ein Machtwort gesprochen und sich über die mittelalterlichen Zünfte hinweggesetzt. Vielleicht hatte auch einer der Hinkert-Söhne inzwischen seinen Drechslermeister gemacht, so dass er das Handwerk nunmehr ausüben durfte.

Anfangs nur heimische Hölzer

In der Literatur wird die Manufaktur Hinkert als erster Angelrutenhersteller in München erwähnt. Hinkert fertigte seine Ruten aus verschiedenen Hölzern: die Handteile aus Ahorn, Ulme oder Esche, das Mittelteil aus Hickory oder Lanzenholz, die biegsame Spitze wurde später schon aus Bambus hergestellt.

Hinkert verarbeitete anfangs vor allem heimische Hölzer wie Ahorn, Esche, Hasel, Weide und Ulme. Später dann auch Bambus. Seine im Vergleich zu englischem Importgerät preiswerten Ruten wurden naturbelassen ausgeliefert oder mit einer Schellack-Politur, die den Ruten Glanz und längere Lebensdauer verlieh. Auf Kundenwunsch beizte oder lackierte er die Ruten auch in verschiedenen Farbtönen. Für besonders sensible Ruten fertigte Hinkert Spitzen aus Fischbein (Walbarten), wie sie damals auch bei der Damenwelt als Korsettstangen Verwendung fanden.

Auch Angelautor Wilhelm Bischoff empfahl 1859 noch die „Hinkert’schen Angelruthen“ aus München, „welche sich jeder englischen an die Seite stellen können und mit vorzüglicher Arbeit ganz außerordentlich billige Preise verbinden.“ Hier ist es fraglich, ob sich Bischoff auf die Vergangenheit bezieht oder ob Hinkert noch 1859 parallel zu Hildebrand eigene Ruten hergestellt hat. Übrigens: John Horrocks zitiert Bischoff 1874 in seiner „Kunst der Fliegenfischerei“ und macht im Zitat aus Hinkert einfach Hildebrand. Im war also bewusst, dass es sich dabei um die gleiche Firma handelte. Hinkert und Hildebrand müssen also irgendwann fusioniert sein.

Mit Hinkert gemarkte Ruten stammen also aus der Zeit von ca. 1840-60, eventuell wurden sie auch noch einige Jahre früher und später produziert, sie sind auf jeden Fall außerordentliche Seltenheiten. Noch 1862 wird im Münchner Adressbuch ein Heinrich Hinkert als „Verfertiger von Angelgerätschaften“ in der Veterinärstraße 10 geführt. Das Haus gehört seine Mutter Josephine, die als Hofgärtnerswitwe bezeichnet wird, der alte Wilhelm scheint also zu dieser Zeit schon verstorben zu sein.

Am Rande bemerkt: Sowohl Rutenbauer Wilhelm Hinkert als auch Angelautor Wilhelm Bischoff waren beide königlich bayerische Hofgärtner in München. Bischoff ab 1821, Wilhelm Hinkert von 1827-37. Beide waren also Kollegen. Hinkert betreute den Hofgarten, den Englischen Garten und die Hofbaumschule, Bischoff war für die Hofbaumschule Nymphenburg zuständig. Es ist also davon auszugehen, dass sie sich beide sehr gut gekannt haben. Eventuell hat Bischoff Hinkert sogar mit seinem internationalen Fachwissen zum Thema Rutenbau unterstützt, war er doch längere Zeit in England und den USA unterwegs. W. Hinkerts Geschäft in der Veterinärstraße 10 lag übrigens direkt am Englischen Garten, seiner früheren Arbeitsstelle.

Wer hat weiteres Hinkert-Gerät in seiner Sammlung oder auch Informationen zur Firma? Bilder und Infos bitte an thomas.kalweit@paulparey.de

Die Endkappe ist mit H. Hinkert Muenchen" gemarkt.
Die Ruten sind ziemlich rustikal verarbeitet, vor allem wenn man sie mit englischen Ruten aus der Zeit vergleicht.
Wer Schieberollenhalter für eine moderne Erfindung für die Matchrute hält, wird von Hinkert eines Besseren belehrt.
Das dünnere Spitzenteil wurde ins Mittelteil einschoben und mit einer Wicklung gesichert. Die Verjüngung ist recht abrupt.

Bei den Ruten von Hinkert und Hildebrand handelt es sich am Anfang noch nicht um Gespließte. Die erste deutsche Gespließte wurde erst 1882 von Hildebrand nach amerikanischen Vorbildern gebaut. Jedenfalls taucht die erste Rute dieser Art damals in den Rechnungsbüchern von Hildebrand als „gespließte Fluggerte nach Wieland“ auf. Dass Bischoff eher ein Hinkert-Mann war zeigt folgendes Zitat, in dem er Hildebrand/Wieland die Urheberschaft der ersten deutschen Gespließten abspricht, denn diese Art der Rute sei „eine Idee, welche schon von einem vor Jahren verstorbenen Mitgliede des bayerischen Fischerei-Vereins, Herrn Thoma, Abjunkt der königlichen Bergwerks- und Salinen-Administration, ausgeführt wurde und für diesen wohl mit Recht betreffs der Urheberschaft vindiziert werden kann.“

Käufer der ersten Hildebrand-Gespließten war damals ein Herr von Alten, Adel aus Niedersachsen, der 60 Mark dafür berappen musste, mehr als der damalige Monatslohn eines Arbeiters.

Anmerkung vom 22. September 2022:

Nach langer Recherche bin ich in der Zeitung „Bayerischer Kurier“ vom 23. März 1862 auf eine Anzeige gestoßen. Hier gibt Josepha Hinkert, die Witwe von Wilhelm Hinkert, bekannt, dass sie alle restlichen Waren ihres verstorbenen Mannes und auch das Angelgeräte-Geschäft an Drechsler-Meister Heinrich Hildebrand abtreten wird. Heinrich Hildebrand spricht in dieser Anzeige von „Übernahme und Vereinigung“. Es ist keinerlei Rede davon, dass Hildebrand bei Hinkert eingeheiratet oder dass er bei ihm gelernt hat. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wahrscheinlich werden Wilhelm Hinkerts Söhne bei Hildbrand weiter im Angelgerätebau gearbeitet haben. Die besagte Anzeige erschien zeitgleich in vielen bayerischen Zeitungen, so auch in Augsburg und Regensburg.

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