Flussriese Stör zurück in der Havel

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Bild: IGB
250 kleine Störe wurden am 4. Mai 2015 auf die Reise ihres Lebens geschickt. Von der Havel aus machen sie sich auf den Weg über die Elbe in die Nordsee. Foto: IGB

Am 4. Mai 2015 wurden in der Havel in Potsdam etwa 250 junge Störe in die Freiheit entlassen. Der Besatz ist Teil der Umsetzung des Nationalen Aktionsplans für den Europäischen Stör.

Etwa 19.000 kleine Störe wurden seit 2008 in Havel und Elbe entlassen. Die Besatzaktionen – wie hier im Herbst 2014 in Rathenow – finden zahlreiche kleine und große Unterstützer. Foto: Philipp Freudenberg

Gemeinsam mit dem Brandenburgischen Umweltminister Jörg Vogelsänger, dem Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs sowie Behörden- und Verbandsvertretern haben Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) die etwa zehn Monate alten Fische im Potsdamer Stadtgebiet in die Havel gesetzt. – Ein wichtiger Schritt, diese in Deutschland als ausgestorben geltende Fischart wieder in ihrem ehemaligen Lebensraum anzusiedeln.

Mit bis zu 5,4 Metern Körperlänge und einem Gewicht von bis zu 800 Kilogramm war der Europäische Stör einst der größte Fisch in unseren heimischen Gewässern. Havel und Spree zählten vor 150 Jahren noch zu seinem natürlichen Verbreitungsgebiet. Hier befanden sich Laich- und Aufwuchsgebiete und damit die „Kinderstube“ des Störs, bevor die Tiere in Richtung Nordsee abwanderten. Doch die sanften Riesen verschwanden mit der Zeit: Wasserverschmutzung, Gewässerausbau und Stauwehre versperrten ihnen den Weg zurück. So geschah es auch in allen anderen Gewässern seines Verbreitungsgebiets. Seit den 1970-er Jahren gilt der Europäische Stör in Deutschland deshalb als ausgestorben. Aber das soll nicht so bleiben!

Ein langer und weiter Weg für den Stör

Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Binnenfischerei und Gewässerökologie (IGB) in Berlin haben in Kooperation mit dem französischen Institut für Umweltforschung (Irstea) ein Nachzuchtprogramm mit Elterntieren aus der letzten wildlebenden Population des Europäischen Störs in Frankreich aufgelegt. „Die Arbeiten in Deutschland sind Teil eines umfassenden Projektes der Gesellschaft zur Rettung des Störs e.V. und ihrer Partner, um den Stör wieder in seine angestammten Lebensräume zurück zu bringen,“ erklärt Dr. Jörn Geßner, der das Programm am IGB koordiniert. „Seit 2008 haben wir zu diesem Zweck rund 19.000 kleine Störe in der Havel und im Elbegebiet ausgewildert.“

Strenge Umweltauflagen führten dort in den letzten 25 Jahren zu einer deutlichen Verbesserung der Wasserqualität. Am Elbe-Wehr in Geesthacht ermöglicht seit 2010 eine der größten Fischtreppen Europas auch den ausgewachsenen Stören den Aufstieg. Aber schon im Mündungsbereich der Havel ist Schluss: „Die Schleusen bei Gnevsdorf bzw. Quitzöbel wären gegenwärtig noch die Endstation für mögliche Heimkehrer“, mahnt Jörn Geßner. Er hofft, dass die Tiere in zwölf bis 20 Jahren – dann erst werden sie geschlechtsreif– wieder ungehindert in die Flüsse hinaufziehen können. Noch reihen sich jedoch in der Unterhavel insgesamt zehn für Störe unüberwindbare Bauwerke auf und verhindern so die Rückkehr der Elterntiere.

Wissenschaftler fordern Durchwanderbarkeit von Havel und Spree

Zur Wiederherstellung der Durchwanderbarkeit von Havel und Spree gemäß der EU-Wasserrahmen-Richtlinie sind also erhebliche Anstrengungen nötig. In einem gemeinsamen Positionspapier haben sich Brandenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt gegenüber dem Bund zu ihrer Verantwortung für den Europäischen Stör als Havelbewohner bekannt. „Dies ist ein wichtiger Schritt, um auch die Wasserstraßenverwaltung mit ins Boot zu holen“, sagt Dr. Jörn Geßner. Am Ende würden davon neben dem Stör auch andere typische Fluss- und Wanderfischarten wie der Atlantische Lachs, das Flussneunauge oder der Nordseeschnäpel, die einst in der Havel heimisch waren, profitieren und zu einer typischen und vielfältigen Fischartengemeinschaft beitragen.

-pm-

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