Am dünnen Faden

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Am dünnen Faden
Karpfen
Beim Angeln auf Kapitale sollte das Vorfach-Material sorgfältig ausgewählt werden. Moderne Geflechte sind heute die erste Wahl.

Neben dem Haken ist das Vorfach das wichtigste Utensil des Karpfenanglers. Mittlerweile sieht dieser sich jedoch einer wahren Flut unterschiedlicher Materialien gegenüber, und auf Anhieb ist nicht immer klar, welches das geeignetste ist. Sven Heininger schlägt einen Pfad durchs „Vorfach-Dickicht“.

By Sven Heininger

Kein Vorfachmaterial ist für alle Angelbedingungen gleichermaßen geeignet. Daher bieten die Gerätehersteller eine Vielzahl unterschiedlicher Produkte an. Das Wissen, wann ich mit welcher Sorte am besten bedient bin, entscheidet erfahrungsgemäß, ob ein Angeltag in die Rubrik „Pleite“ oder „Erfolg“ fällt.

Monofil

Das ursprüngliche Material zum Karpfenfischen, die monofile Schnur, wird auch im Zeitalter der High-Tech-Produkte von manchen Experten immer noch benutzt. In den letzten Jahren gelang es den Herstellern, diese Sehnen entscheidend zu verbessern. Die Abriebfestigkeit und Tragkraft wurden bei gleichem Durchmesser beträchtlich erhöht und die Durchmesser exakter eingehalten.

Ich verwende Monofil-Vorfächer immer dann, wenn ich mit schwimmenden Ködern an der Wasseroberfläche fische. Dabei wähle ich eine möglichst abriebfeste und gleichzeitig geschmeidige Sorte.

Eine Besonderheit stellen die neuen Monofile aus Fluocarbon dar, die etwas schwächer als normales Nylon sind. Ihr großes Plus jedoch: für die Fische praktisch unsichtbar! Aufgrund ihrer vergleichsweise großen Härte eignen sie sich allerdings nur für Montagen, die mit steifen Materialien funktionieren.

Dacron

Parallel zur Entwicklung der Haarmethode und der Boilie-Angelei wurden die ersten geflochtenen Vorfächer populär. Sogenanntes Dacron, der Vorläufer aller heutigen High-Tech-Produkte, war lange Zeit nur in Schwarz erhältlich, erwies sich aber als ausgesprochen weich und widerstandsfähig gegen Durchscheuern.

Mittlerweile steht Dacron in mehreren Farben zur Verfügung. Für Sandböden werden braune Ausführungen angeboten, für verkrautete Gewässer grüne und für Moorgruben die schwarzen. Insgesamt trägt Dacron jedoch nicht so viel wie ein hochwertiges Monofil oder gar Dyneema-Geflecht gleichen Durchmessers. Zum Binden der Haarmontage eignet sich spezielles, extrem dünnes „Hair Dacron“.

Turbo-Geflechte

Mit der Einführung von Dyneema in die Entwicklung moderner, geflochtener Karpfenvorfach-Materialien konnten deren Tragkraftwerte erheblich gesteigert werden. Reines Dyneema ist weiß und schwimmt, was für ein Vorfachmaterial nicht immer wünschenswerte Eigenschaften sind.

Diese Probleme wurden durch das Beimischen von Dacron in ein solches Geflecht gelöst. Je höher der Dacron-Anteil, desto weniger treibt das Vorfach auf. Dass dabei auch die Tragkraft etwas abnimmt, spielt für Karpfenangler kaum eine Rolle, weil solche Mischgeflechte die Werte von Monofil immer noch überschreiten. Ein positiver Nebeneffekt des Material-Mixes ist die melierte Farbe, die weniger auffällt als strahlend weißes Dyneema.

Silkworm

Das sogenannte „Silkworm“ von Kryston wurde zum Inbegriff eines gemischten Dacron-Dyneema-Geflechtvorfachmaterials. Es begeisterte nach seiner Einführung die bis dahin dacronerfahrenen Angler mit der hohen Tragkraft bei vergleichsweise dünnem Durchmesser sowie großer Abriebfestigkeit.

Von den Mischgeflechten gibt es eine ganze Reihe unterschiedlicher Marken, die sich in ihrem Dacron-Anteil, der Flechtweise und der Flechtqualität unterscheiden: Vergleichsweise viel Dacron ist beispielsweise dem „Merlin“ von Kryston oder „Egde HT 99“ von Hutchinson beigemischt, weshalb diese Produkte kaum noch auftreiben (Merlin) beziehungsweise richtiggehend sinken (Edge HT 99).

Mit einer Flechtbesonderheit wartet das „Edge 2000“ von Hutchinson auf. Es ist innen hohl. Der Haken muß nicht mehr angeknotet werden, sondern lässt sich anspleißen, was einen glatteren Übergang zum Vorfach ermöglicht.

Dyneema pur

Geflechte aus reinen Dyneema-Fäden (zum Beispiel „Super Silk“ von Kryston) haben bezogen auf den Durchmesser die höchste Tragkraft. Ihr Einsatzgebiet sind Gewässer, in denen die Karpfen Misstrauen gegenüber Ködern hegen, die an dicken und steifen Vorfächern angeboten werden. Wer sich an der auffällig weißen Farbe stört, kann das Material mit wasserfesten Stiften oder auch etwas Schlamm einfärben.

Noch weicher ist unverflochtenes Dyneema, wie das bekannte „Multistrand“. Hier liegen die Einzelfäden nebeneinander, die am Gewässergrund wie Spinnenweben fächerförmig auseinandergehen und nahezu unsichtbar sind. Leider ist es mit diesem Material nicht ganz so leicht, Montagen zu binden. Ein wasserlösliches Gel, mit dem das Vorfach vor dem Binden bestrichen wird und dieses innerhalb von wenigen Sekunden zu einem einzigen Faden zusammenfügt, sich am Gewässergrund aber im Nu wieder auflöst, schafft Abhilfe.

Besonders in sehr klaren Gewässern und bei der Oberflächenangelei lohnt der Einsatz von Multistrand. Über harten Untergründen verwende ich es hingegen nicht, weil es nicht sonderlich abriebfest ist.

Hülle mit Herz

In letzter Zeit werden von verschiedenen Herstellern Materialien angeboten, deren Herz, ein weicher Kern (meistens Multistrand), von einer vergleichsweise festen Außenhaut umgeben ist. Diese Hülle besteht entweder aus Kunststoff (zum Beispiel bei „Snake Skin“ von Kryston) oder einem Geflecht („Combi Link“ von Carp „R“ Us oder „Ambiflex“ von Hutchinson) und kann je nach Bedarf auf bestimmten Abschnitten des Vorfachs entfernt werden. Der Karpfenangler ist auf diese Weise in der Lage, eine Verbindung zum Haken zu schaffen, die zu einem Teil steif und zum anderen extrem weich ist. Entsprechende Montagen kommen zum Einsatz, wenn Karpfen den Köder extrem vorsichtig einsaugen. „Snake Bite“ von Kryston ist übrigens ein sehr ähnliches Produkt, nur in diesem Fall ist die Seele geflochten, weshalb das Material insgesamt abriebfester ist und sich daher auch über harten Böden eignet.

Vom Aufbau her ähnlich sind die Vorfachschnüre, in die eine Bleiseele eingeflochten wurde. Außen Geflecht, innen Blei. Sie erfüllen hingegen einen ganz anderen Zweck: Die sogenannten „Leadcore-Schnüre“ liegen völlig flach auf dem Boden, selbst bei starker Strömung. Sie kommen daher vorzugsweise in Fließgewässern zum Einsatz.

„Scheuerschnur“

Wo der Karpfenangler viel mit Hindernissen zu kämpfen hat, oder mit Steinen oder Muschelschalen bedeckte Gewässerböden den Vorfächern zusetzen, ist er mit einem speziellen Material, „Quick Silver“ genannt, heute auch unter der Bezeichnung „Krystonite“ im Handel, bestens bedient. Dieses beschichtete Geflecht ist an Abrieb- und Scheuerbeständigkeit kaum zu überbieten und wird daher oft zum Binden von Schlagschnüren und besonders belasteten Vorfächern eingesetzt.

Foto: Verfasser, Ag. Grand Bleu, FP

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