Zielfisch Wels: Waller in Deutschland

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Zielfisch Wels: Waller in Deutschland
In solch kleinen Fließgewässern tummeln sich oftmals große Welse.

Auch vor Ihrer Haustür liegt bestimmt ein gutes Welsgewässer! Woran Sie‘s erkennen, verrät Stephan Höferer.

Als ich 1981 endgültig dem Wels verfiel, haftete dem Giganten unserer heimischen Gewässer noch der Mythos des „Geheimnisvollen“ und „Unbesiegbaren“ an. Mein Fänge hielten sich dementsprechend sehr in Grenzen. Das hatte mehrere Gründe: Erstens war der Bestand nicht sehr hoch, und zweitens wusste ich einfach zu wenig über den Fisch. Erst als ich seine Lebenswelt wirklich verstanden hatte, häuften sich die Bisse. Auffällig war jedoch, dass die Welse nur in bestimmten Gewichtsklassen vorkamen. Ich gewann den Eindruck, dass einige Jahrgänge vollständig fehlten. Eine plausible Erklärung wäre, dass durch die damals schlechteren klimatischen Bedingungen, insbesondere während und nach der Laichzeit, die Brut in einigen Jahren komplett eingegangen ist. Der Welsbestand war schlicht und ergreifend nicht sonderlich hoch. Heute, rund 30 Jahre später, hat sich die Situation radikal geändert.

 

Wels erobert Deutschland

Mittlerweile kann man fast von einer Explosion der Welsvorkommen sprechen. Die Erwärmung führt dazu, dass der Nachwuchs nahezu jedes Jahr optimale Bedingungen vorfindet. Der beträchtliche Anstieg der Welsfänge findet seinen Ausdruck auch in den Hitlisten der schwersten Fische ab 80 Pfund. Um einen einigermaßen guten Überblick zu bekommen, habe ich alle mir zur Verfügung stehenden Fangmeldungen aus Deutschland ausgewertet. Demnach wogen zwischen 1970 und 1990 ganze 31 gemeldete Welse über 80 Pfund. Magere 16 Stück durchbrachen dabei die Schallmauer von 100 Pfund. Allein in den 90er Jahren waren es schon 119 Fische über 80 Pfund. Davon 47 Exemplare ab 50 Kilo! Die magische 100-Pfund-Marke wurde somit fast dreimal so häufig übertroffen wie in den 20 Jahren davor. Was für ein Anstieg! Diese Entwicklung geht sogar noch weiter. Seit der Jahrtausendwende werden aus deutschen Revieren immer häufiger Welse über 100 Pfund gemeldet. Sorgten Fische dieser Gewichtsklasse vor 30 Jahren noch dafür, dass ihre Fänger zumindest lokal zu Angelhelden aufstiegen, sind sie heute kaum noch eine Erwähnung wert. Das Maß aller Dinge ist jetzt die magische 200-Pfund-Marke.

 

1,10-Meter-Waller: Für den Autor zählen solche Exemplare in seinen Heimatgewässern zur Standardgröße.

 

Diese Beispiele verdeutlichen den rasanten Aufstieg der Bartelträger. Die einst klassischen Welsgewässer wie Regen, Naab und Oder sind schon lange nicht mehr das alleinige Maß der Din-ge. Egal ob im Norden, Süden, Osten oder Westen: Die Welse sind überall und in fast allen Gewässersystemen anzutreffen. In Flüssen haben Wanderungen zu ihrer Ausbreitung beigetragen, aber auch in vielen Seen ist aufgrund von Besatzmaßnahmen ein starker Bestand herangewachsen. Bestimmten bis in die 80er Jahre die Fließgewässer das Geschehen, so waren die 90er Jahre davon gekennzeichnet, dass die Fänge in stehenden Gewässern enorm zulegten und das Gesamtbild total veränderten. Sie erfuhren eine Steigerung von fast 150 Prozent und kippten das Bild. Die Fangmeldungen aus Fluss und See halten sich inzwischen fast die Waage. Und nicht nur das: Aus stehenden Gewässern werden auch enorm viele kapitale Fische gemeldet.

 

Nicht kirre machen lassen

Für uns Angler ist das eine tolle Nachricht. Heißt es doch, dass wir fast überall mit guten Chancen auf den größten Süßwasserräuber unseres Landes fischen können. Doch was ist nun mit dem Gewässer vor Ihrer Hautür? Gibt es da Waller? Die Frage darauf ist hier vom Schreibtisch aus natürlich unmöglich zu beantworten. Aber es gibt ein paar Kriterien, die auf gute Welsbestände schließen lassen.

Fangen wir einmal mit den Fließgewässern an. Ist der Fluss in Ihrer Nähe in irgendeiner Weise mit einem bekannten Welsgewässer verbunden, ist die Wahrscheinlich sehr hoch, dass es dort mittlerweile auch Waller gibt. Eindeutig ist es, wenn Sie bereits von Fängen gehört haben. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob der Angler oder Fischer dafür verantwortlich war. Auch die Größe der Fische ist völlig unerheblich. Denn wo kleine Welse sind, muss es auch große geben.

Topköder: Ein Tauwurmbündel lässt Waller schwach werden. Super sind aber auch Köderfische wie tote Brassen, Güstern oder Plötzen.

 

Doch auch wenn Sie noch nichts von Welsen gehört haben, heißt das noch lange nicht, dass es keine Waller gibt. Auch heute noch fange ich sie regelmäßig an Gewässerstellen, die sehr starkem Befischungsdruck unterliegen. Dennoch werden von den anderen Anglern keine oder nur ganz, ganz selten Welskontakte registriert. Das liegt meiner Ansicht nach daran, dass nicht gezielt oder falsch darauf gefischt wird. Ein sehr häufiger Fehler ist, dass die Angler am Wasser zu laut sind. Ich fange 90 Prozent meiner Waller, wenn ich alleine unterwegs bin. Ich trample nicht am Ufer entlang und leuchte auch nicht ständig mit der Taschenlampe herum. Wer schon einmal einen Waller im Aquarium beobachten konnte, weiß, wie sensibel der Fisch auf Erschütterungen, auf Unruhe oder neu eingesetzte Futterfische reagiert. Die langen Bartfäden werden wie Antennen ausgefahren, und der Räuber ortet damit den „Unruheherd“. Hinzu kommt das gute Hörvermögen des Fisches. Das beachten viele Angler nicht und vergrämen somit die Waller. Lassen Sie sich daher nicht von Ihren erfolglosen Kollegen abschrecken. Vertrauen Sie Ihren eigenen Beobachtungen, und machen Sie sich selbst ein Bild.

 

Sind Waller im Fluss?

Dass die großen Ströme wie Rhein, Main oder Neckar einen guten Wallerbestand aufweisen, ist hinlänglich bekannt. Doch wie sieht es mit deutlich kleineren, bis dato unbekannten Fließgewässern aus, von denen es reichlich in unserem Land gibt? Die Größe ist nicht so entscheidend, spielt aber dennoch eine Rolle. In dem weit verzweigten Flusssystem des Spreewaldes, der ja für seinen guten Welsbestand bekannt ist, beherbergen auch extrem kleine Fließe von gerade einmal fünf Metern Breite Waller. Sie finden dort Unterstände und auch Nahrung. Allerdings halten sich in der Regel nur Kleinfische dort auf. Die Wahrscheinlichkeit, einen Meterwels zu erbeuten, ist gering. Meist sind es nur die jungen Waller, die sich in den flachen und schmalen Gräben des Flusssystems tummeln und bis zu einer gewissen Größe heranwachsen. Dann reicht den Fischen dieser Lebensraum nicht mehr aus. Sie ziehen heraus und suchen breitere und tiefere Flussabschnitte auf.

 

Ein typisches Wallergewässer in Deutschland: viele Unterstände bieten den Räubern Schutz.

 

Aus meiner Erfahrung sollte der Fluss schon eine durchschnittliche Breite von etwa zehn, besser 15 Metern und eine Tiefe von zwei Metern aufweisen. Neben ausreichend Nahrung müssen Rückzugsmöglichkeiten vorhanden sein. Tagsüber hält sich der Wels nämlich gerne an tieferen und/oder dunkleren Stellen auf. Wenn Ihr Fluss also Kolke und Gumpen, Drehströmungen oder sogar Buhnenköpfe aufweist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie es mit einem Welsfluss zu tun haben. Kommen dann noch Sandbänke, Einmündungen, ausgespülte Ufer und starker Uferbewuchs hinzu, würde ich sagen: Glückwunsch, Sie haben ein Welsgewässer vor Ihrer Nase! Und hat dieses Revier, wie bereits erwähnt, auch noch Verbindung zu einem bekannten Welsfluss, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Waller auch bei Ihnen haust. Weist das Gewässer nicht all die genannten Merkmale auf, ist es kein Nachteil. Denn Sie können sich auf die vorhandenen markanten Punkte beschränken. Wenn Welse vorhanden sind, werden sie sich auf diese Plätze konzentrieren.

In einem Kanal, der ja künstlich angelegt ist, sieht die Sache schon anders aus. Hier würde ich aufgrund der monotonen Struktur nicht unbedingt die ersten Versuche starten. Das heißt noch nicht, dass dort nicht auch Waller drin sein können. Doch ist die Suche nach ihnen wesentlich schwieriger, da die Anhaltspunkte fehlen.

 

Platzwahl am Fluss

An Flüssen gibt es viele Stellen, an denen sich ein Ansitz lohnt. Ich habe mal einige klassische zusammengestellt:

1. Holz: Ins Wasser gestürzte oder überhängende Bäume, Baumkronen oder sonstiges Geäst sind immer ein beliebter Aufenthaltsort der Bartelträger. An dieser Stelle sollte es mindestens zwei Meter tief sein, um davon ausgehen zu können, dass der Wels ständig vor Ort ist. Doch sind diese Plätze oftmals nicht ganz leicht zu befischen, da mit Hängern zu rechnen ist.

2. Löcher und Rinnen: Rinnen und Löcher an einer Flusskrümmung sind relativ leicht zu befischen. Die wird es an jedem noch so kleinen Fluss geben. Die Tiefenunterschiede müssen übrigens gar nicht so groß sein. Wenige Zentimeter reichen aus, um die Wanderrouten der Welse festzulegen. Wer an dieser Kante ein fettes Tauwurmbündel präsentiert, wird früher oder später mit einem Biss belohnt werden.

3. Hindernisse: Suchen Sie nach Drehströmungen bzw. Verwirbelungen an der Oberfläche. Dafür sind meist irgendwelche Hindernisse, beispielsweise Steinhaufen, verantwortlich. Dort liegt der Wels gerne im Strömungsschatten – ein toller Angelplatz!

4. Unterspülte Ufer: Manchmal liegen Superplätze genau vor den Füßen. Unterspülte Ufer sind hervorragende Einstände für den Waller. Dort ist natürlich absolute Ruhe erforderlich. Schon bei der Annäherung an den Platz muss man äußerst vorsichtig sein, um den Fisch nicht zu vergrämen. Falls möglich, sollte man von der anderen Uferseite fischen, um unnötigen Lärm zu vermeiden.

5. Zuflüsse: Dort, wo sich ein Einlauf befindet, kommt zusätzliche Nahrung in den Fluss. Logisch, dass das auch für Welse äußerst interessant ist.

Daneben gibt es noch zahlreiche weitere potenzielle Standplätze. Versetzen Sie sich in den Fisch und beantworten für sich die Frage: Wo würde ich mich als Wels aufhalten, um meine Ruhe zu haben, und wo finde ich meine Nahrung?

 

Es ist angerichtet: Die Montagen sind ausgebracht, das Warten auf den Biss beginnt.

 

Stehende Gewässer

Auch in Seen kommen immer mehr Welse vor. In abgeschlossenen, künstlichen Gewässern wird man sie aber nur dann antreffen, wenn sie irgendwann mal eingesetzt wurden. Das herauszufinden, dürfte nicht allzu lange dauern. Ein paar Gespräche mit ortsansässigen Anglern, und man ist schlauer.

 

Anders sieht es da schon mit natürlichen Seen aus. Haben sie einen größeren Zulauf, können sich die Welse auf natürliche Weise angesiedelt haben. Andernfalls sollte man sich auch hier am besten nach Besatzmaßnahmen erkundigen.

Ein natürlicher See bietet dem Wels reichlich gute Plätze. Ist ein altes Flussbett vorhanden, ist diese ausgespülte Vertiefung immer einen Versuch wert. Auch steil abfallende Uferbereiche sind sehr interessant, genau wie Barschberge, Kanten und Rinnen. Im Sommer sind Krautbänke, Seerosenfelder und Schilfgürtel heiße Ecken, die man intensiver befischen sollte. Auf Holz ist auch im See besonderes Augenmerk zu legen. Wann immer ich einen versunkenen Baum sehe, weiß ich, dass ich dort eine Montage platziere. Holz zieht Waller magisch an!

Die jahreszeitlichen Besonderheiten sind ebenfalls zu beachten. Wenn die Wassertemperaturen im Frühjahr ansteigen, sind die flachen Abschnitte sehr interessant. Auch große Welse sind dann im Flachwasser zu finden. Selbst ein 60-Pfünder wird im nur einen Meter tiefen Wasser nach Nahrung suchen. Dort gehört also dann die Montage hin. Im Herbst hat sich die Situation radikal geändert. Die Wassertemperaturen sinken, die Fische ziehen sich in tiefere Regionen zurück. Wie tief genau, hängt von den örtlichen Gegebenheiten ab.

In einem See, der maximal sechs Meter tief ist, kann ein Loch von drei bis vier Metern schon ausreichen. In anderen Gewässern können sich die Fische auf über zehn Meter zurückziehen. In jedem Fall sollten Sie sich die bereits erwähnte Frage stellen: Was würde ich als Wels machen? Auf diese Weise werden Sie früher oder später den Standort der Bartelträger lokalisieren – ganz sicher. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Erfolg und Petri Heil!

 

Das waren noch Zeiten: Welse der 30- bis 40-Kiloklasse waren damals eine Sensation. Heute liegt die Schallmauer bei über 200 Pfund!

 

Klein soll‘s sein!

 

In Kleingewässern sind meiner Ansicht nach die Chancen am größten, relativ bald einen Wels zu fangen. Solche Reviere sind sehr überschaubar und gerade für den „Welsneuling“ wie geschaffen. Denn hier kann man kaum an den Fischen vorbei angeln. Auch wenn der Köder nicht an der ganz richtigen Stelle angeboten wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Wels diesen bei seinen Raubzügen findet, sehr hoch. Zudem liegen die Einstände des Fisches meist in Wurfweite zum Ufer.

Auch in relativ kleinen Gewässern können die Waller übrigens zu kapitalen Größen heranwachsen. So gelang es mir, in einem kleinen, knapp sechs Hektar großen Waldsee einen Wels von stattlichen 84 Pfund zu überlisten. Mein schmalster beangelter Fluss wies gerade einmal eine Durchschnittsbreite von zwölf Metern auf. Auch in diesem eher unscheinbaren Gewässer fing ich einen Burschen mit einer Länge von 1,86 Metern! Zwei große Fische für zwei relativ kleine Gewässer. Diese Tatsache sollte man sich zunutze machen und gerade die unauffälligen Reviere nicht außer Acht lassen.

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