Spinnfischen auf Wels

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Wels im Drill: Auf den letzten Metern muss Uli noch einmal alles geben, sein Gegner gibt heftige Gegenwehr.

Für Uli Beyer zählt die Kunstköderangelei auf Wels zu den absoluten Höhepunkten des Jahres. Hier verrät der Profi sein Erfolgsrezept für spektakuläre Bisse und hammerharte Drills.

Es gibt Schlüsselerlebnisse in einem Anglerleben, an die denkt man immer wieder gern zurück. Zum Beispiel an meine erste Begegnung mit den Großwallern vom Ebro. Inzwischen ist es fast zehn Jahre her, dass ich mich von Jürgen Stegherr, ein deutscher Top-Guide in Spanien, zu einer ungewöhnlichen Tour überreden ließ. Er lud mich zu sich nach Spanien ein und versprach ein Spinnfischen der Superlative. Große Welse sollten in dem Top-Revier unter seiner Mithilfe „überhaupt kein Problem“ darstellen: „Du wirst unter Garantie viel Spaß und bestimmt auch einige schöne Waller haben!“ Es war Mitte September, als ich dann mit meinem Freund Horst per „Billigflieger“ nach Barcelona flog. Mit einem Leihwagen waren wir dann sehr schnell und vor allem ziemlich günstig vor Ort, das heißt Mequinenza.

Einen großen Wels an der Spinnrute zu drillen, ist ein heftiges Erlebnis. Uli geht dabei kompromisslos vor.

Dort zeichnet eine trübe Kakaosoße den Stausee aus. Als Spinnangler mag ich eigentlich eher klare Gewässer, aber Jürgen erklärte mir, dass diese Brühe genau das Richtige sei …

Der Ebro-Kenner sprach immer wieder von „Gewitter“ und flehte regelrecht mit Blick nach oben: „Hoffentlich kommt das runter! Wenn das diese Woche runterkommt, wirst du dein blaues Wunder erleben!“ Die Wolken verdichteten sich tatsächlich, und hier und da tröpfelte es, als wir zu Fuß zu unserer ersten Flusstour aufbrachen. Wir marschierten an den Rio Segre zur „2-Minuten-Stelle“. Diese Stelle hieß so, weil fast immer nach zwei Minuten der erste Biss erfolgte, wohlgemerkt häufig von großen Welsen!

Einen über zwei Meter langen Wels mit der Spinnrute anzuwerfen, zu drillen und landen, lässt selbst gestandene Profis strahlen.

Am Wasser angekommen, klatschte und schmatzte es ziemlich heftig. „Große Waller!“ erklärten mir Jürgen und Markus Stegherr. Ungläubig sah ich mir das Spektakel an, dann packte mich auch schon das Jagdfieber. Wie vom Hechtangeln gewohnt, überwarf ich die „Schmatzstellen“ und zog meinen Kunstköder darüber hinweg. Und tatsächlich gab‘s den einen oder anderen Wasserschwall. Das waren allerdings noch keine richtigen Attacken. Jürgen grinste und zeigte mir dann, wie es richtig geht.

Der Welsexperte sagte: „Du musst denen direkt auf den Kopf werfen!“ Also wartete Jürgen bis zum nächsten Schmatzer. Da! Ein mächtiger Schwall mit dem implodierenden Sound einer Weinflasche verriet einen weiteren jagenden Waller! Jürgen warf sofort dorthin, und innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde explodierte das Wasser. Der Waller hatte reflexartig zugebissen. Nach gut fünf Minuten Drill an schwerem Welsgerät konnte Jürgen einen für mich damals riesigen, zirka 1,80 Meter langen Bartelträger landen.

Hier riecht es förmlich nach Waller: Tiefe Löcher hinter Rauschen, Kehr- strömungen, überhängende Bäume und versunkenes Wurzelwerk.

Gezielte Kopfwürfe

Ich war nach diesen ersten Eindrücken natürlich völlig „angefixt“ und konnte in den folgenden Tagen allein einige Welse fangen. Schnell lernte ich, worauf es ankam, und das war völlig neu für mich:

Waller sprechen meistens nicht auf gekonntes Jiggen an , vielmehr sind präzise Würfe in die Gegend des Welskopfes gefragt. Ist ein Bartelträger oder sein vermuteter Standort im Kehrwasser des Flusses ausgemacht, muss man den Gummifisch möglichst laut platschend genau auf den Schädel des Zielfisches servieren. Beißt nichts, kann der Köder schon nach einer kurzen Absinkphase getrost wieder eingekurbelt und neu ausgeworfen werden. Ist nämlich ein Wels in der Nähe und hat er Interesse, packt er den Shad meist innerhalb der ersten fünf bis zehn Sekunden nach dem Einwurf.

Mit dieser „Vielwurftechnik“ hatte ich in jener Woche schon gut gepunktet. Aber der „richtige“ Waller fehlte noch. Es war der vorletzte Tag, und ich hatte gerade wieder einen Wels von 1,35 Metern aus einem tiefen Kolk gezogen. Direkt hinter diesem „Fangloch“ gab es noch einen Kolk, der von dem Drill-Theater unberührt geblieben war. Gespannt warf ich die Stelle an und erwartete gleich nach dem Einwurf den Biss. Als die Attacke ausblieb, begann ich, den Gummifisch nach kurzer Absinkphase wieder einzukurbeln. Der Köder erreichte gerade die nur drei Meter vor mir verlaufende Strömungskante, als das Wasser zu beben anfing und sich ein riesiges „Loch“ hinter meinem Köder öffnete!

Was dann passierte, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Eine Explosion ungeahnten Ausmaßes, gefolgt von einer langen, spektakulären Flucht, ließ mich regelrecht erschrecken. In weniger als einer Minute war die Rolle meiner (zu kleinen) 4000er Stationärrolle leer gezogen, und ich drillte ein Ungeheuer auf der Spulenachse. Mit Mühe stolperte ich in meinen Birkenstockschuhen dem noch immer wild ziehenden Monster hinterher. „Unglaublich! Ob der überhaupt zu bändigen ist?“, murmelte ich, während ich halb staksend, halb schwimmend dem Fisch in ruhigeres Wasser folgte.

Jürgen amüsierte sich unterdessen köstlich, und Horst filmte begeistert meine Badeübungen! Ich dachte eigentlich überhaupt nicht daran, dass dieser wilde Kämpfer am anderen Ende irgendwie zu landen sei, aber nach fünf bis zehn Minuten wendete sich das Blatt. Zwar musste ich mir die Schnur meterweise zurückholen, die Last an der Rute war gewaltig, aber irgendwie folgte der Wels meinem Zug. Als der Fisch sich schließlich an der Oberfläche zeigte, rief Jürgen mir zu: „Super! 2-Meter-Fisch und 100-Pfünder kannst du schon abhaken!“ Zwar schwammen meine „Birkies“ nebenher, die Landung des Kapitalen stand aber natürlich im Vordergrund.

Jürgen packte in ein dickes Krautbüschel, in dem sich eine widerwillig geöffnetes Riesenmaul abzeichnete: Dann erklang der erlösende Ruf: „Hab ihn! Petri Heil!“ Jürgen zog ein echtes Monster an Land – 2,08 Meter lang und 115 Pfund schwer!

Um Großwaller im Drill von Hindernissen fern zu halten, bedarf es Quali- tätsrollen und superstarker Geflechtschnüre mit rund 40 Kilo Tragkraft.

Waller ticken anders

Seit diesem grandiosen Erlebnis habe ich Feuer für das gezielte Welsangeln mit Kunstködern gefangen. Und in den letzten zehn Jahren ist die Spinnfischerei an den Zuflüssen des Rio Ebro, dem Rio Cinca und Rio Segre, deutlich populärer geworden. Dämmerte diese Angelei früher in einer Art Dornröschenschlaf dahin, sind heute fast täglich einige Angler mit Kunstködern unterwegs, und zu meinem großen Erstaunen wird nach wie vor sehr gut gefangen.

Einige Guides wie Jürgen Stegherr, Peter Malik, Claude Valette und Peter Öhlschläger haben sich auf die gestiegene Nachfrage für Spinnfischertouren eingestellt. So kann man nicht nur zu Fuß, sondern auch vom treibenden Boot durch diese Zuflüsse fantastisches Wurfangeln in wilder Natur mit umgestürzten Bäumen, ungezähmten Rauschen und verschilften Sumpflandschaften erleben.

Ich unternehme jedes Jahr ein bis zwei solcher Touren, und inzwischen stehen mehr als 50 mit der Spinnrute gefangene 2-Meter-Welse in meinem Fangbuch. Giganten bis weit über 80 Kilo und 2,30 Meter waren wiederholt dabei. Das lässt keinen Spinnfischer kalt, denn diese Angelei ist erfolgreich, brutal und lässt das Adrenalin in Strömen fließen!

Wer ein solches XXL-Experiment starten möchte, muss zunächst einmal umdenken. Welse sind keine „normalen“ Fische, Waller ticken anders, sie sind extrem launisch und auch viel stärker. Deshalb ist nicht zuletzt Geduld gefragt, denn natürlich kann es auch einmal passieren, dass die Bartelträger tagelang nicht beißen wollen. Zum Glück ist das allerdings eher selten der Fall, wenn man planmäßig vorgeht.

Ulis Favoriten: 15-20 cm lange Gummifische und große Blinker oder Spinner mit besonders starken Drillingen.

Präzise servieren

Die „Köderführung“ beim Welsfang ist im Prinzip total simpel: Den Gummifisch auswerfen, je nach Wassertiefe mehr oder weniger lang absinken lassen, und einfach einkurbeln. Ich breche den langsamen Einholvorgang beim Flussangeln in der Regel nach vier bis fünf Sekunden ab, da dann meist nichts mehr passiert. Über 90 Prozent der Anbisse erfolgen reflexartig direkt nach dem Einwurf. Also werfe ich natürlich viel öfter.

Ganz wichtig: Die Würfe müssen sehr präzise an alle möglichen Unterstände der Welse platziert werden! Ich musste am Ebro lernen, dass Genauigkeit beim Servieren das A und O dieser Angelei ist. Schafft man es, präzise und möglichst zehn bis 20 Zentimeter dicht ans Ufer und in Kehrwasser zu werfen, dann landet man auch Wels-Treffer. Perfekt sind präzise platzierte „Bogenlampenwürfe“, da sie besonders laute Aufplatschgeräusche und somit die beste Bissausbeute bringen.

Suchen Sie systematisch alle möglichen Unterstände ab. Zu den Hotspots zählen Kehrwasser, überhängende Büsche, Strömungskanten, Brückenpfeiler. Was ich auch erst lernen musste: Meine Fangergebnisse sind in flacheren Zonen viel, viel besser als in größeren Tiefen. Die meisten Bisse bekam ich in der Wassersäule zwischen Oberfläche und zwei Meter Tiefe. Bis zirka drei Meter Tiefe fing ich dagegen nur sehr vereinzelt und darunter quasi nie.

Präzise Würfe sind ganz wichtig. Der Köder muss den Welsen quasi auf den Kopf fallen, um die arttypischen Reflexbisse zu provozieren.

Kräftiges Geschirr

Die großen, kampfstarken Welse erfordern natürlich robustes Gerät. Eine Spinnrute mit zirka 2,70 Metern Länge hat sich für mich als optimal herausgestellt. Das Wurfgewicht sollte mindestens 150 Gramm betragen. Ich setze sogar eine Spinnrute mit 250 Gramm Wurfgewicht ein, da ich speziell beim Driftfischen immer wieder Welse der 2-Meter-Klasse mit aller Gewalt von Hindernissen weghalten muss. Das bedeutet dann: Rollenbremse zu und keinen Meter Schnur geben! Was da im Drill passiert, ist unglaublich, denn die „Biester“ wissen häufig genau, wo sie hin müssen.

Schafft man es jedoch, einige Sekunden lang extremen Druck aufzubauen und den Fisch nicht ins Hindernis ziehen zu lassen, ist die erste Runde häufig gewonnen. Der Waller dreht ab und zieht in tieferes, meist freies Wasser.

Klar, dass man für solche Gewaltaktionen – zumal in heftiger Strömung – auch bärenstarke Schnüre aufspulen muss. Dachte ich damals noch, eine 50 Pfund- Leine würde ausreichen, fische ich heute nicht mehr unter 80 Pfund Tragkraft. Die Rolle sollte mindestens 100 Meter von dieser dicken „Wäscheleine“ fassen. Ich persönlich fische die DAIWA Saltiga 4500, auf die ich eine 12-fach geflochtene Falcon- Silk Dyneema spule, die 40 Kilo trägt.

Ans Ende der Hauptschnur montiere ich gern ein kurzes Vorfach. Um den Abrieb im Welsmaul während der brachialen Drills gering zu halten, benutze ich ein zirka 50 Zentimeter langes Kevlar- Vorfach mit mindestens 200 Pfund Tragkraft. Man könnte meinen, das sei über- trieben, aber sogar dieses Abschleppseil wurde mir schon mal gesprengt!

Es versteht sich von selbst, dass man die Kleinteile vom Wirbel bis zum Karabiner ebenfalls sehr stark wählt. Ich verwende Rollerwirbel und Crosslock-Karabiner mit entsprechenden Tragkräften, die ich in das Vorfach knote oder mit viel Zeit auch spleiße.

Der Handschuh schützt Ulis „Flossen“ beim Ansetzen des Wallergriffes am Unterkiefer des ausgedrillten Fisches.

Köder mit starken Haken

Das Schöne am Welsangeln in Spanien ist, dass man mit sehr wenigen Ködern auskommt. Früher dachte ich, es sei wichtig, eine Großauswahl parat zu haben. Das ist aber falsch. Eine kleine Kollektion an Gummifischen in drei bis vier verschiedenen Farben (Gelb, Feuergelb, Braun, Weiß) und vielleicht zwei Größen (15 und 20 Zentimeter) reicht völlig aus. Größere Köder brachten nicht mehr Attacken, aber deutlich erhöhte Fehlbissquoten sowie mehr Arbeit beziehungsweise Tragegewicht. Für sehr wichtig halte ich allerdings eine gute Auswahl an Bleiköpfen. Die Sinkgeschwindigkeit des Köders muss der Wassertiefe und der Strömung angepasst werden. Zwischen 14 und 40 Gramm sollte man verschiedene Gewichte an extrem starken Haken bereit halten.

Ich fische VMC- beziehungsweise Profi-Blinker-Jighaken in den Größen 9/0 bis 10/0, seltener auch einmal besonders stabile Jighaken von Gamakatsu oder Owner. Achten Sie immer auf extreme Stabilität der Haken; sie sind der größte Schwachpunkt in der Gerätezusammenstellung, und die meisten verlorenen Großwelse gehen auf Kosten zu schwacher Eisen!

Neben dem übersichtlichen Gummiködersortiment haben sich auch umge- baute Spinner und Blinker bewährt. „Umgebaut“ heißt hier: mit deutlich stärkeren Drillingen versehen als im normalen Lieferzustand. Wer die Haken nicht wechselt, wird viele Großwelse erst gar nicht zu Gesicht bekommen. Die serienmäßig montierten Drillinge sind fast immer deutlich zu schwach und müssen dann gegen kräftigere, hochwertige Markenprodukte ausgetauscht werden.

Wer in Spanien zur Saison zwischen Mai bis Mitte Oktober mit der Spinnrute aktiv ist, kann meist mit leichter Bekleidung losziehen. Um großen Fischen zu Fuß nachstellen und im Drill folgen zu können, sollte man jedoch in eine Wathose, vorzugsweise eine atmungsaktive, schlüpfen. Zu guter Letzt noch ein Tipp für Deutschland-Fans: Im Laufe der Jahre sind die Welsbestände auch in vielen heimischen Flüssen stark auf dem Vormarsch. Es kann also durchaus lohnen, mal gezielt an Rhein, Main, Elbe, Weser, Donau, Oder und vielen anderen Strömen zur schweren Spinnrute zu greifen!

Revier-Check:

Kontakt: Organisierte Angelreisen und aktuelle Infos zu der spanischen Waller-Hochburg Mequinenza bieten u.a. Jürgen Stegherr und Peter Öhlschläger, www.ebrounlimited.com und www.bavarian-guiding-service.de

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