Regenrückhaltebecken: Neues Zuhause für bedrohte Kleinfische

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Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis), typisch sind die 10 Barteln am Maul. Bild: F. Möllers/AVN

Im Volksmund heißt er auch „Gewitterfurzer“ oder „Piepaal“: der Schlammpeitzger. Kaum jemand kennt den bis zu 35 cm langen, schmerlenartigen Kleinfisch.

Und obwohl er ein echter Überlebenskünstler ist, steht er ganz oben auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten in Niedersachsen. Fischereibiologen des Anglerverband Niedersachsen (AVN), Vertreter des Angelsportverein Luthe (ASV Luthe) und das Dienstleistungsunternehmen „Arvato Supply Chain Solutions SE“ setzen am 10. November 15 Elterntiere in ein Rückhaltebecken am Messegelände in Hannover – und hoffen auf reichlich Nachwuchs im nächsten Sommer.

Lebensräume aus zweiter Hand

Die Arvato Supply Chain Solutions SE (Arvato) und die Landeshauptstadt Hannover haben in einem Nutzungsvertrag dem AVN und dem ASV Luthe ein knapp 4.700 m2 großes, umzäuntes Rückhaltebecken an der Stockholmer Allee für Artenschutzprojekte zur Verfügung gestellt. Natürliche Kleingewässer wie Tümpel, Dorfteiche und Altarme waren einst typische Lebensräume für viele Kleinfischarten. Bitterlinge, Karauschen und eben auch der Schlammpeitzger sind heute stark bedroht, weil solche Gewässer zugeschüttet oder im Rahmen von Flurbereinigungen oder Gewässerunterhaltungsmaßnahmen zerstört worden sind. In den vergangenen Hitzejahren sind überdies viele dieser enorm wertvollen Mini-Biotope immer wieder ausgetrocknet. Rückhaltebecken können als Ersatzlebensräume dienen.

Voruntersuchung wichtig

Das RRB an der Stockholmer Allee hat auch in den Dürrejahren permanent Wasser geführt, sodass es sich hervorragend für die Ansiedlung stark gefährdeter Kleinfischarten eignet. Untersuchungen der Fischereibiologen des AVN haben den positiven Eindruck des Gewässers bestätigt. Die Wasserqualität und die Gewässerstruktur sind für Fische ausgezeichnet – und ganz wichtig: Noch gibt es in dem Gewässer keine Fische.

„Fischfreie Gewässer sind tatsächlich sehr selten“, weiß Helmut Speckmann, Fischereibiologe beim AVN. „Wir haben in den letzten Jahren 19 RRB in der Region Hannover befischt und fast immer Fische nachweisen können. Sehr häufig sogar Fremdfischarten, die von Aquarianern oder Gartenteichbesitzern ausgesetzt wurden und in freien Gewässern eigentlich nichts zu suchen haben. Diese Gewässer sind dann für Artenschutzprojekte verloren“, so der Experte.

Heiko Pikal, Director Central Services bei Arvato, berichtet, die Anfrage des AVN und des ASV Luthe habe seine Abteilung überrascht. „Vor dem Hintergrund des Artensterbens auch hier bei uns in Niedersachsen unterstützen wir das Schlammpeitzgerprojekt sehr gerne! Und wer hätte gedacht, dass ein unscheinbares Becken direkt vor unserem Firmensitz dabei eine wichtige Rolle spielen würde,“ so Pikal. Arvato werde auch die Pflege der Grünfläche im Rahmen des Projektes übernehmen.

Vom Steinhuder Meer nach Hannover

Mit Genehmigung des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), Dezernat Binnenfischerei, und der Unteren Naturschutzbehörde der Region Hannover wurden in Zusammenarbeit mit der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer in den Grabensystemen der Steinhuder Meerbruchswiesen 15 große Schlammpeitzger mittels Elektrofischerei gefangen. Aktuell sind die Tiere in Quarantäne auf der Teichanlage des AVN. Am 10.11. beziehen sie ihr neues Zuhause im RRB gegenüber von Arvato. Verbunden mit der Hoffnung, dass sie sich im Frühsommer 2023 erfolgreich vermehren.

„Das RRB ist flach, verkrautet und hat einen weichen Gewässergrund – perfekt für unsere Schlammpeitzger. Wir sind absolut zuversichtlich, dass sie sich hier wohlfühlen und auch fortpflanzen“, erläutert Jan Schiffers, 1. Vorsitzender des ASV Luthe.

Wenn es mit dem Nachwuchs klappt, sollen die Jungtiere abgefischt und in geeignete Gewässer in der Region Hannover ausgesetzt werden. So tragen die Angelvereine dazu bei, dass der „Piepaal“ in Niedersachsen auch weiterhin ein Zuhause findet.

-Pressemitteilung AVN-

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