Ist es die Weeger-Rolle?

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Im Münchner Fischereimuseum steht diese Wenderolle, ein Nachbau von Mallochs Sidecaster, über die sich trefflich spekulieren lässt.

Im Münchner Fischereimuseum steht eine Wenderolle, die dem berühmten Malloch Sidecaster aus Schottland extrem ähnlichsieht, aber dennoch keiner ist.

Könnte es sich eventuell um die ominöse „Weeger Aufwinderolle“ handeln?

Emil Weeger wurde 1819 in Brünn, Mähren, geboren. Sein Vater war Besitzer einer Lederfabrik. Er studierte in Wien Technik, was seinen späteren Erfindungsdrang erklärt. Er gründete 1878 den „deutschen Brünner Fischzucht-Verein“, der 1881 in den „Ersten mährischen Fischereiverein Brünn“ umbenannt wurde. Er gründete auch den Mährischen Landesfischereiverein“ und war dessen Präsident bis zu seinem Tod 1893. Er schrieb mehrere Bücher über die Fischzucht und war Mitglied es Mährischen Landtages.

Kontakte zu Hardy

Dr. Emil Weeger war ein umtriebiger Erfinder: So entwickelte der Lederfabrikant ein Messer zur „Erzielung schnittfreier Häute“, mit dem Tierhäute vom Fleisch befreit werden konnten, ohne das Leder zu beschädigen. Weeger war aber auch ein passionierter Angler. Für die englische Firma Hardy entwickelte er 1883 den berühmten und bis heute an Ruten verbauten Rollenhalter „W-Fitting Reelseat“, auch „Universal Winch Fitting“ genannt, das „W“ steht für Weeger. Diesen Rollenhalter ließ sich Hardy zusammen mit Weeger patentieren. Dr. Weeger erfand auch eine Harz-Paraffin-Mischung, um Fliegenschnüre zu imprägnieren, die sicher auch durch seine Lederfabrik inspiriert wurde.

Verbesserte Sidecaster-Version

Weeger entwickelte aber auch eine verbesserte Form des schottischen Malloch Sidecaster, einer Wenderolle mit Schnurführung. Peter Duncan Malloch aus Perth in Schottland hat 1884 seine Wenderolle zum Patent angemeldet, wahrscheinlich nur für Großbritannien. Max von dem Borne schrieb damals in der Angelpresse dazu: „Herr Heinrich Hildebrand in München sandte mir ein paar Wurfrollen System Weeger. Dieselben sind im Princip übereinstimmend mit der Malloch’schen Wurfrolle, aber etwas anders construirt. Mir gefällt die Weeger’sche Rolle besser, 1. weil ich die Construction zweckmäßiger halte, 2. weil sie nur 9,50 bis 12 Mark kostet, also weniger wie die Hälfte des Preises der schottischen Rolle.“

Gebaut in Brünn

Auch der Angelgerätehändler Gustav Staudenmayer in Ulm hatte die „neue Aufwinderolle (System Weeger)“ damals in fünf Größen auf Lager. Viele Informationen über diese Rolle finden sich nicht. Diese Rolle wurde vom Mechaniker Paul Böhme in Brünn (Mechanische Werkstätte Paul Böhme) produziert, der genau um 1880 Präzisionswaagen sowie hochwertigste Apparate für Laboratorien und Astronomen hergestellt hat. Ob Hildebrand in München diese Rollen nur weiterverkauft hat oder ebenfalls ein eigenes Modell gebaut hat, ist unbekannt.

Im Münchner Fischereimuseum steht eine Wenderolle, die eindeutig ein Nachbau oder eine Weiterentwicklung des Malloch Sidecasters ist. Wenn ich es richtig entziffern konnte, ist auf der Rückwand Typ A oder B und dann eine 43 eingestanzt, genau lässt sich das durch die verspiegelten Scheiben nicht erkennen. Da sie in München steht, wo Hildebrand diese Rollen vertrieben hat, liegt der Gedanke nicht allzu fern, dass es sich um die verschollene Weeger-Rolle handeln könnte.

In der 3. Ausgabe von Max von dem Bornes „Taschenbuch der Angelfischerei“ (Paul Parey, 1892) finden sich zum Glück zwei Abbildungen der Weeger-Rolle (S. 10 u. 11). Sie weichen in vielen Details von der Museumsrolle ab, es gibt aber auch Ähnlichkeiten. Bei der Museumsrolle fehlt aber ein Hebel für den Wendemachanismus, auch ist die Schnurführung deutlich länger, die Spule viel breiter. Der wichtigste Unterschied: Bei den Modellen Weeger und Malloch sitzt der Kurbelknauf auf der Rückseite der Spule, bei der Museumsrolle auf der Vorderseite. Das ist schon eine erhebliche Abweichung in der Konstruktion. Es ist aber durchaus denkbar, dass es verschiedene Typen und Entwicklungsstadien dieser Rolle gegeben hat. Trotzdem ist es aber eher unwahrscheinlich, dass es sich bei dem Museumsstück um die Weeger-Rolle handelt. Auch gibt von dem Borne in seinem Taschenbuch an, dass diese Rolle aus Aluminium konstruiert war. Es soll von der Weeger-Wenderolle eine Forellenrolle mit einem Durchmesser von 7 cm (Gewicht nur 85g) und eine Lachsrolle von 10 cm Durchmesser (Gewicht 255g) gegeben haben.

Vielleicht schlummern ja Exemplare dieser seltenen Stücke in Euren Sammlungen…

Wer hat weitere Informationen? Infos bitte an thomas.kalweit@paulparey.de

Mallochs Wenderolle in Max von dem Borne "Angelfischerei". Noch in der 5. Auflage von 1914 wird die Weeger-Rolle erwähnt, allerdings hier nicht mehr empfohlen. Der Text verrät, dass die Weeger-Rolle aus Aluminium gebaut wurde.
Die Rolle ist sehr hochwertig verarbeitet, könnte also von einer mechanischen Werkstatt für Laborbedarf und astronomische Geräte in Brünn gebaut worden sein.
Auf der Rückwand gemarkt ist sie mit Typ A oder B und einer 43, genau lässt sich das aber durch das Glas nicht entziffern. Bei einer englischen Rolle müsste es "type" mit E am Ende heißen.

Anmerkung vom 22. August 2022:

Gerhard Dee schrieb uns per Mail: „Hallo Thomas, eine Weeger-Rolle, wie sie bei Max von dem Borne abgebildet und beschrieben ist, habe auch ich bisher leider noch nicht im Original zu sehen bekommen. Aber die Zweifel, ob es sich bei der Museums-Wenderolle um eine „Weeger“ handelt, kann ich nur verstärken. Neben den von Dir bereits aufgeführten deutlichen Unterschieden gibt es weitere Hinweise auf andere Hersteller.

Zuerst einmal wurde Mahagoni-Holz verwendet. Das war zur damaligen Zeit aber eher im „British Empire“ anzutreffen. In Deutschland wurde meistens Holz aus heimischer Produktion verwendet. Auch die Beschriftung deutet in eine ganz andere Richtung. Es gibt nämlich einen Ort, an dem Side-Caster viel häufiger anzutreffen sind, als selbst in Großbritannien. Er liegt am anderen Ende der Welt in „Down Under“ : es ist Australien. Hier findet man noch heute eine Vielzahl von Wenderollen.

Die bekannte australische Firma Alvey hat z.B. Modelle mit der Bezeichnung A, B oder C und einer Nummer auf den Markt gebracht. So ist zurzeit eine Alvey A 40 bei Ebay in Australien eingestellt.

Eine „Museums-Rolle“ habe ich aus Zeitmangel noch nicht gefunden. Wer aber gerne selbst einmal recherchieren möchte, sollte damit vielleicht auf der Internetseite des „Australian Fishing Museum“ https://australianfishingmuseum.com anfangen. Herzliche Grüße, Gerhard“

Der Engländer Charles Alvey gründete 1920 seine Angelrollenproduktion in Australien. Er hatte sich als Vorbild ebenfalls Mallochs Sidecaster genommen. Bei seinen Rollen sitzt die Kurbel auf der Spulenseite, auch haben seine Rollen solche konischen Holzspulen. Das könnte passen! Es gibt aber auch Unterschiede, so haben alle seine im Australian Fishingmuseum gezeigten Modelle stets zwei Kurbelknäufe. Genau das Modell aus dem Fischereimuseum konnte ich dort nicht finden, auch sehen die Rückwände und Markungen immer anders aus. Es ist aber auf jeden Fall die richtige Fährte! TK

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