Haltestellen für Meerforellen

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Frank Schwarz mit Meerforelle
Strahlend präsentiert Frank Schwarz seinen Fang. Gerade für große Meerforellen ist der Spinnstop ideal.
Große Wobbler
Bei Kälteeinbruch ziehen die Forellen durch tieferes Wasser. Jetzt sind große Wobbler gefragt, die weit fliegen. Beim Spinnstop steigt nun die Hängergefahr.

Wer beim Küstenangeln das Fluchtverhalten der Beutefische mit dem Kunstköder naturgetreu imitiert, fängt dicke Meerforellen. Frank Schwarz kopiert das Verhalten der Sandaale und legt beim Einkurbeln Pausen ein. Mit diesem Spinnstop überlistet er selbst neugierige Nachläufer.

By Frank Schwarz

Frühlingserwachen am Ostsee-Strand: Der wolkenlose Himmel erstrahlt in tiefem Blau, und die Märzsonne läßt zum ersten Mal in diesem Jahr die Luft flimmern. Ihre Kraft reicht schon aus, um für wenige Stunden das Leben im Flachwasser aus dem Winterschlaf zu erwecken.

Nun verfallen die Forellen so richtig in Freßrausch. Und auch mein Angel-Fieber steigt auf der nach oben hin offenen Meerforellen-Skala. Zur Linderung hole ich dann die Spinnrute aus dem Schrank, bespule die Rolle mit neuem Monofil, poliere die Spinnköder und ersetze rostige Drillinge und Sprengringe. Jetzt zieht es mich bei mildem Wetter an den Ostsee-Strand.

Mit dem Spinnstop im Flachwasser

Die Taktik ist klar: Ich fische mit dem Spinnstop im Flachwasser. Dabei wird der Köder sägezahnartig über Grund geführt. Der Blinker sinkt in Intervallen dann kurbelt man ihn wieder ein. Der Clou: Selbst Fische die einem wie üblich monoton eingeholten Köder unentschlossen folgen und oft unentdeckt bleiben kann ich noch überlisten. Nach dem Absinken des Köders warten sie nämlich wie an einer Haltestelle darauf daß sich das leblose Blech wieder in Bewegung setzt und packen dann gierig zu.

Diese „Geheimwaffe“ hatte mir ein dänischer Angelfreund bei einem Angeltrip auf Langeland gezeigt. Sie ist mir quasi „auf Anhieb“ in Fleisch und Blut übergegangen und hat mir auch in hiesigen Gefilden ein paar schöne Silbertorpedos eingebracht.

Meerforellen-Pirsch an der Steilküste

Wir schreiben den März 1997. Ich habe mir mit meinem Freund Lars den Schutz einer Steilküste zur Meerforellen-Pirsch ausgesucht. Unsere Top-Stelle ist eine kleine Bucht die der Wellenschlag hier aus der Lehmklippe gewaschen hat. Vor der linken Landzunge ist es besonders seicht. Das Wasser hatte hier am Morgen nur ein Grad Celsius. Gegen 14 Uhr sieht die Sache jedoch gänzlich anders aus. Die Wassertemperatur ist auf drei Grad gestiegen und die ersten Tangläufer Tobiasfische und Flohkrebse kommen aus ihren Verstecken.

Es folgt Wurf um Wurf Strecke machen. Eine große Meerforelle schiebt plötzlich hinter meinem Blinker her. Das Blut pocht in meinen Adern. Von der Bugwelle des Fisches aufmerksam geworden starrt mein dänischer Freund erst auf mich dann auf den Fisch. Jetzt ist der Silbertorpedo fast unter meiner Rutenspitze. Lars ruft zu mir herüber: „Spinnstop Spinnstop…“. Klick. Zu spät mein Wirbel hängt bereits im Spitzenring. Mit einem Schwall wendet der Räuber auf der Schwanzflosse und prescht zurück. Kopfschüttelnd bittet mich Lars zu einer „Krisensitzung“.

Köder stoppen Forellen foppen

Er ist als alter Spinnfischer der Herr der Lage und nimmt mich ins Gebet. „Wenn eine Forelle Deinen Blinker verfolgt brauchst Du eine spezielle Strategie. Der Fisch war doch nur neugierig da mußt Du Deine Taktik ändern.“ „Habe ich ja“ entgegne ich trotzig „doch der Fisch hat lediglich sein Tempo erhöht als ich schneller eingekurbelt habe. Zugeschnappt hat er nicht.“ Lars grinst. „Was für einen Hecht vielleicht gut ist gilt noch lange nicht für die Forelle. Du mußt ihre Jagdinstinkte kennen und schon fängst Du mit dem Spinnstop. Laß einfach nur den Blinker beim Heranführen immer wieder einmal auf den Meeresboden fallen und kurbele ihn nach einer kurzen Pause wieder ein. Das ist fast ein wenig wie beim Twistern und genau wie in der Natur bei den Tobiasfischen.“

Nun gibt der Küstenspezi eine kleine Sandaalkunde denn diese Fische sind eine Lieblingsspeise der Meerforellen. „Sandaale sind zwar schnelle Schwimmer für eine Forelle jedoch nicht schnell genug. Was machen die Tobis also bei Gefahr? Sie lassen sich einfach fallen und vergraben sich im Sand. Zurück bleibt eine kleine Staubwolke. Die Meerforellen kennen solch ein Verhalten natürlich aus dem Effeff und schnappen instinktiv zu wenn der Blinker plötzlich zu Boden fällt. So ein Reiz-Reaktions-Schema funktioniert gerade im Frühjahr besonders gut. Denn der Tisch ist reich gedeckt und die Forellen folgen dem Köder oft nur aus Neugierde.“

Ich staune. Bislang hatte ich der Köderführung beim Spinnfischen im Meer keine größere Bedeutung geschenkt. Doch Lars‘ Tip leuchtet mir ein. Er zündet sich eine Zigarette an und berichtet daß er dieses Raubverhalten der Forellen sogar mehrmals hautnah beobachten konnte. „Eine bohrte direkt vor meinen Füßen ihr Maul in den Sand um einen Flüchtling noch zu kriegen. Ein anderes Mal legte sich eine Meerforelle hinter einem Stein auf die Lauer und stieß hervor als sich der Sandaal wieder regte.“

Sogar wie ein Kunstköder beim Spinnstop genommen wurde hat mein Freund beobachten können: „Einmal folgte eine erfahrene Alte meinem Wobbler biß aber nicht zu. Also ließ ich den Happen einfach sinken die Forelle blieb in der Nähe und belauerte die Stelle wo der Köder lag. Als ich wieder anzog stürzte sie heran und nahm den Wobbler gierig.“

Lars zeigt mir zum Beweis ein Polaroidfoto mit einer 74 cm langen Schönheit. „Fängst Du denn mit dem Spinnstop eher die größeren Kaliber?“ „Klar denn gerade große Forellen sind vorsichtiger und neigen eher zum Verfolgen der Beute.“

Nachläufer aus dem Nichts

Die Schulstunde ist vorüber es juckt wieder in den Fingern. Wir fischen weiter und waten parallel zum Ufer. Dabei wähle ich wie immer wenn die Forellen eher im Seichten anzutreffen sind eine besondere Wat-Taktik: Ich stelle mich seitlich zum Ufer und befische den Küstensaum fächerförmig. Nach jedem Wurf gehe ich ein paar Schritte weiter um zusätzlich Strecke zu machen.

Doch vorerst tut sich nichts. Die Blaue Stunde kurz vor Sonnenuntergang bricht an eine heiße Meerforellenzeit. Wieder katapultiere ich meinen Küstenwobbler 60 Meter parallel zur Küste hinaus und lege beim Einkurbeln die von Lars empfohlenen Zwischenstops ein. Plötzlich schießt ein Silbertorpedo in die Luft – keine 40 Meter vor mir.

Dich bekomme ich schon noch denke ich und mir ist heiß und kalt zugleich. Im nächsten Moment krümmt sich die Gerte Schnur rast von der Sehne. Die Forelle war schon die meinige und hing während ihres Saltos an der Leine sie hatte sich selbst gehakt! Wenig später keschert Lars für mich den 67er Räuber der Haken sitzt im Maulwinkel.

Eine Bugwelle die dem Köder folgte hatte ich gar nicht bemerkt. Lars das dänische Schlitzohr sehr wohl: „Die kam ein Stück hinter Deinem Köder her ohne Spinnstop hättest Du sie vielleicht nicht gekriegt.“

Ich überlege. Tatsächlich hatte ich den Küstenwobbler kurz vor dem Anbiß sinkenlassen und dann wieder angezogen. Solch Nachläufer sind wohl beileibe keine Einzelfälle und häufiger als man glaubt besonders bei ruhigem klaren Wasser und Sonnenschein.

Ein Absacker tut not

Soweit mein Schlüsselerlebnis aus dem letzten Frühjahr. Der Spinnstop ist jedoch nicht nur ein Griff in die Trickkiste wenn ein Silberpfeil im Flachwasser dem Wobbler folgt. Das Beute-Imitat in unregelmäßigen Abständen abgestoppt heizt auch den Fischen weiter draußen ein die wir oft gar nicht bemerken.

Heute katapultiere ich meine Spinnköder besonders bei Kälte-Einbrüchen im dafür berüchtigten April möglichst weit hinaus. Das Frühjahr ist leider auch die Zeit der Gegensätze und darauf muß man auch die Angeltaktik anpassen:

Zugegeben, es ist nicht gerade ein angenehmes Gefühl, den kostbaren Wobbler oder Blinker so einfach fallen zu lassen, ohne den Grund weiter draußen zu überblicken. Krauthänger lassen sich bis zum Frühsommer jedoch leicht lösen. Und über wirklich unregelmäßigem Grund fällt das Himmelfahrts-Kommando für den Blinker aus. Es sei denn, ich sichte einen Nachläufer.

Und mit einem solchen können wir schließlich das ganze Jahr rechnen. Besonders auf sandigen Böden fallen Forellen auf den Stop herein. Dabei braucht man sich mit dem Weiterkurbeln nicht zu beeilen. Die Fische bleiben in der Nähe und stürzen aus dem Hinterhalt, sobald das schlanke Silber wieder steigt.

Foto: Frank Schwarz und Nils Vestergaard

 

 

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