Glattwal vom Aussterben bedroht

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Durch schnell fahrende Schiffe gefährdet: Nordatlantische Glattwale an der Wasseroberfläche. Foto: N. Hawkins/IFAW

Der Nordatlantische Glattwal ist weiterhin stark bedroht – das zeigt die am 25. Oktober 2022 vom „Atlantic Right Whale Consortium“ veröffentlichte offizielle Bestandsschätzung von nur noch 340 Tieren.

Der Bestand der gefährdeten Wale bleibt damit auf niedrigem Niveau. Schätzungen zufolge umfasst die Population nur noch 72 fortpflanzungsfähige Weibchen, die für die Erholung dieser schwindenden Population entscheidend sind. Vor dem Aufkommen des kommerziellen Walfangs umfasste diese einst Zehntausende Tiere. Um den Nordatlantischen Glattwal vor dem Aussterben zu retten, sind dringend weitere Maßnahmen von Regierungen, Industrie, Naturschutzverbänden und anderen Interessengruppen erforderlich.

Bereits 2017 beobachtete die „National Oceanic and Atmospheric Administration“ (NOAA) eine erhöhte Sterblichkeitsrate bei Nordatlantischen Glattwalen in US-amerikanischen und kanadischen Gewässern. Die US-Behörden sprechen von einem sogenannten „Unusual Mortality Event“ (UME). Die hohe Zahl an Todesfällen und Verletzungen der Meeressäuger lässt sich auf Schiffsunfälle und das Verheddern in Fanggeräten zurückführen. In sechs Jahren (2017-2022) erfasste die NOAA 91 UME-Fälle (34 unmittelbar, 21 durch schwere Verletzungen und 36 durch die Folgen von subletalen Verletzungen oder Krankheiten getötete Tiere). Das entspricht etwa 27 % der aktuell geschätzten Population.

Zwar wurden in jüngster Zeit keine weiteren Todesfälle registriert, dennoch sorgt der allgemein schlechte Gesundheitszustand der Glattwale für Besorgnis. Dieser zeigt sich in einer schrumpfenden Körpergröße, verlängerten Kalbungsintervallen, einer geringeren Überlebensrate der Kälber und einer abnehmenden Zahl fortpflanzungsfähiger Weibchen.

Geschwindigkeitsbegrenzung für Schiffe gefordert

Laut Dr. Sarah Sharp, Tierärztin beim IFAW ( International Fund for Animal Welfare), bedeutet der Verlust schon eines einzigen Tieres einen schweren Schlag für die Erholung der gesamten Art. „Die jüngsten Bestandszahlen bestätigen, dass die Art weiterhin am Rande des funktionalen Aussterbens steht und die derzeitigen Maßnahmen zu ihrer Rettung nicht ausreichen. Dennoch gibt es Hoffnung und gute Lösungen. Weitere Todesfälle sind vermeidbar, wenn sofort gezielte Maßnahmen zur Risikominderung umgesetzt werden. Dazu zählen sowohl erweiterte Geschwindigkeitsbegrenzungen für Schiffe als auch die Regulierung der Fischerei und der Einführung von modernen Fanggeräten ohne Seile“, erklärt Sharp.

Glattwale schützen, gleichzeitig Fischerei sichern

Um den Bedürfnissen der Wale und einem gesunden Ökosystem der Meere gerecht zu werden, arbeiten der IFAW und andere Interessengruppen gemeinsam mit den Fischer:innen an pragmatischen Lösungen: „Es ist unser Ziel, das Überleben des Glattwals zu schützen und die Fischerei als Lebensgrundlage gleichermaßen zu sichern“, betont Andreas Dinkelmeyer, Kampagnenleiter des IFAW in Deutschland. „Es ist keine Frage des Entweder-oder. Der IFAW verfolgt einen multidisziplinären Ansatz, um langfristige Veränderungen in und auf dem Wasser zu erreichen. Dauerhafte Lösungen müssen auf einem gemeinsamen Interesse, der engen Zusammenarbeit und der Bereitschaft beruhen, bestehende Technologien weiterzuentwickeln. Die heutigen Zahlen sind düster, aber wir müssen uns diesen Herausforderungen gemeinsam stellen und unser Ziel erreichen.“

-Pressemitteilung IFAW-

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