Brotflocke auf Talfahrt

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Kapitaler Aland
Eine fest geknetete, im Wasser absaufende Brotflocke verführte auf Anhieb einen beinahe fünf Pfund schweren Aland.
Aland-Drill
Sekunden nachdem Jörg Ovens ausgeworfen hat, erfolgt ein Biss auf die absinkende Flocke. Der Anhieb sitzt und die Enten flüchten aus dem Angelbereich.

„Abgesoffene Brotflocken verführen kapitale Friedfische viel eher als schwimmende“, behauptet Jörg Ovens. Frerk Petersen begleitete ihn an die Treene und war von seiner speziellen Angeltechnik begeistert. Schon beim ersten Biss kam es ganz dicke“.

By Frerk Petersen

Kaum fliegen die ersten Brotstücke auf das Wasser des Treene-Seitenarms in Friedrichstadt, segelt schnatterndes Federvieh im Formationsflug herbei. Mit gespreizten Paddelfüßen setzen Stockenten zur Punktlandung an. Gerade noch war der Himmel vogelfrei, schon genießen mehrere Schnabelträger das für die Alande gedachte Backwerk.

Meine Mine verfinstert sich. Denn beim Schwimmbrotansitz auf den im Volksmund auch als Nerfling bezeichneten Fisch können dem Angler eben die brotsüchtigen Wasservögel gehörig auf die Nerven gehen – und nicht die Fischart, wie der Name vielleicht vermuten lässt.

Doch Jörg Ovens kennt diese Situation zur Genüge, und sie lässt ihn erstaunlich kalt: „Die größeren Alande nehmen sowieso nur selten das Brot direkt von der Oberfläche, also stören mich die Enten kaum. Ich muß nur ein wenig mehr füttern als ohne Vogelkonkurrenz.“

Mit dem Elektromotor korrigiert er noch einmal die Position des betagten Kahns. Neben den sich um das duftige Brot balgenden Enten sind keine nennenswerten Fischbewegungen zu erkennen. Zweifel sind angebracht, ob Jörgs Vorhaben, den FISCH & FANG-Lesern eine besondere Angeltechnik zu demonstrieren, hier und heute überhaupt klappen wird.

Doch unbeirrt montiert er das Gerät. Seine im Boot besonders handliche, 2,70 Meter lange Spinnrute ist extrem weich, da sie aus einem Fliegenrutenblank handgefertigt wurde. Daran schraubt der schlanke Nordfriese eine mittlere Stationärrolle fest, die mit 12er Dyneema bespult ist. „Die Schwimmeigenschaften der Dyneema werden noch eine wichtige Rolle spielen“, deutet er vielsagend an.

Pose als Wurfgewicht

Dann fädelt Jörg eine Art Pose – oder soll ich Wurfgewicht sagen? – auf die Schnur. Es ist jedenfalls eine rote Kunststoffkugel mit Innenschnurführung die praktisch keinen Auftrieb hat und daher auch nur noch ganz eben im Oberflächenfilm des Wassers schwebt. Gleichzeitig wiegt sie aber gut 20 Gramm und ermöglicht so weite Würfe mit dem Brotköder.

Jörg verrät: „Diese Kugel stammt von einer mittlerweile nicht mehr auf dem Markt erhältlichen Weitwurfposen-Konstruktion. Eine fast vollständig gefüllte Wasserkugel in Olivenform mit Innenschnurführung würde den gleichen Zweck erfüllen.“

Wie auch immer etwa einen halben Meter vom Ende der Schnur an das der mittlere Haken etwa Größe 4 bis 8 geknotet wird fixiert er dieses auffällige Wurfgewicht beidseitig mit Stoppern und Perlen.

Soweit nichts Besonderes. Auch die Flocke aus dem Inneren des Brotlaibes sieht noch normal aus. Nur so fest zusammengedrückt wird sie üblicherweise nicht: Jörg knetet sie regelrecht um den Haken feuchtet die Kugel zwischendurch immer wieder mit etwas Spucke an. „Die Flocke muß absaufen“ verrät er. „Deshalb drücke ich die Luft ganz heraus.“

Der Köder landet mit einem Platsch direkt neben einer Ente die davon nicht die geringste Notiz nimmt. Zu sehr ist sie mit den schwimmenden Brotstückchen beschäftigt so dass der Zwitter aus Brotkugel und Flocke unbehelligt auf Tauchstation gehen kann.

Für weitere Beobachtungen des schwebenden Köders bleibt keine Zeit weil auch schon der rote „Proppen“ hoppelt und dann energisch abtaucht. Jörg scheint den frühen Biss erahnt zu haben und setzt sofort den Anhieb. Mit einem mächtigen Schwall an der Oberfläche gibt sich ein prächtiger Aland zu erkennen. Jetzt wird auch die Ente unruhig und schwimmt ein Stück zur Seite.

Souverän drillt der Experte den Fisch aus und landet ihn mit der angefeuchteten Hand was bei der niedrigen Bootswand ein Kinderspiel ist. Ein prächtiger Aland funkelt im Blitzlicht der Kamera ganze fünf Gramm fehlen an der Fünf-Pfund-Schallmauer. „Zugegeben das hier ist schon einer der wirklich guten Treene-Alande aber mit dieser Methode sind an den meisten Tagen immer einige Exemplare zwischen zwei und vier Pfund möglich. Wo das maximal erreichbare Gewicht liegt weiß ich ehrlich gesagt nicht“ wertet Jörg den Fang.

Balance-Akt von Köder und Sehne

Ich überlege mir, warum die Methode so ungeheuer fängig ist, obwohl sie so simpel erscheint. Beim Schwimmbrot-angeln sind offensichtlich stets viel mehr Fische am Platz, als sich an der Oberfläche letztendlich zeigen. Denn Jörg hat auf diese Weise neben Alanden beispielsweise auch schon Rotfedern und Karpfen überlistet. Nach seiner langjährigen Erfahrung schnappen nur ein paar voreilige Schuppenträger ungeduldig nach treibenden Brotstückchen, während insbesondere die Großfische warten, bis eines gemächlich hinabschwebt.

Die Kombination aus einer schwimmenden Dyneema-Schnur und der sinkenden Brotflocke ist ideal, um sich auf dieses Verhalten einzustellen. Zunächst sackt das Vorfach nach dem Einwurf unter dem Gewicht des Köders und des Hakens ein paar Zentimeter nach unten, lässt den Brot-Leckerbissen dann aber aufgrund des eigenen Schwimmvermögens ein kleines Stück unter dem Wasserspiegel schweben, wo sich die Enten nicht mehr für ihn interessieren, die Fische aber umso mehr.

Wie tief er genau baumelt, hängt von dem Ködergewicht ab. Der Happen sinkt nämlich so lange, bis er mit dem Auftrieb der Sehne im Gleichgewicht steht.

Jörgs Technik hat der Überprüfung standgehalten. Außerdem störten die Enten viel weniger, als zunächst zu befürchten war. Wer weiß, vielleicht trägt das Schnattervolk ja sogar ein wenig zum Erfolg bei, weil ihr Gequake und Gepaddel Friedfischen den Weg zu einem lohnenden Fressplatz weist.

Foto: Verfasser

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