Zanderlust statt Hängerfrust

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Zander

Fette Fluss-Zander lauern oft am Rande der scharfen Strömung in Vertiefungen. Doch tief geführte Köder produzieren Hänger, und diese bringen den Angler an den Rand der Verzweiflung. Michael Kahlstadt präsentiert daher den Stromräubern eine selbstgebastelte Streamermontage mit eingebauter Sollbruchstelle.

By Michael Kahlstadt

„So ein Mist!“ Für die Zanderpirsch bin ich ganz früh aufgestanden, noch vor Sonnenaufgang am Rhein gewesen, und jetzt – kaum zwei Stunden später – habe ich bereits alle Weichplastikköder versenkt. Was nun? Wie sagt meine Frau doch immer: „Trinke erst mal ’ne Tasse Tee.“ Ich gehe also zurück zum Auto, frühstücke und durchstöbere dabei meinen verbliebenen Vorrat an Angelgerät im Kofferraum.

Da liegt noch meine Fliegenrute nebst Rolle und Schusskopf-Ausrüstung. Nach einigen Wurfversuchen zeigt sich jedoch, dass die Strömung so stark ist, dass ich nicht bis auf den Grund komme. Außerdem ist die Hängergefahr so groß, dass ich die teure Flugschnur nicht riskieren möchte. Mit der Spinnrute lässt sich der superleichte Streamer jedoch keine zwei Meter weit werfen – was aber, wenn ich ein Blei vorschalte?

Mit Blei auf Tauchstation

Nach mehreren Würfen habe ich die optimale Lösung gefunden Ans Ende der 0,25er Hauptschnur kommt ein kleiner Dreieckswirbel, von diesem zweigt ein etwa 20 Gramm schweres Blei an einem 30 Zentimeter langen Seitenarm aus 0,18er Nylon ab. Das 0,25er Vorfach mit dem Streamer wird nun nur noch an das freie Wirbelöhr geknotet. So lässt es sich gut werfen, der Köder bleibt immer in Grundnähe, und bei einem Hänger reißt lediglich das billige Blei ab.

Sanfte Rucke aus dem Handgelenk

Nach zehn Würfen habe ich bereits meinen ersten Zander, untermaßig zwar, aber nach zwei Stunden Frust ein echter Lichtblick. Und wo ein Kammschupper steht, da tummeln sich in der Regel noch mehr. Richtig, nach fünf weiteren Würfen beißt ein schöner 55er auf den gelben Bucktailstreamer. Dann ist Schluss. Drei Buhnen weiter lässt sich jedoch noch ein weiterer Räuber verführen.

Es wird langsam Mittag, und die Bisse bleiben aus. Aber allmählich bekomme ich die Angelmethode in den Griff: Vom Buhnenkopf werfe ich schräg stromab in Richtung Fahrrinne. Dann lasse ich den Streamer herumtreiben und spüre dort, wo das ruhige auf das strömende Wasser trifft, den ersten Bodenkontakt – daraufhin zupfe ich die Montage langsam genau an der Verwirbelungszone entlang auf meinen Standplatz zu.

Die Fliege lasse ich zwischendurch immer einmal für eine halbe Minute an einer besonders aussichtsreichen Stelle stehen, denn der Streamer ist so leicht, dass er allein durch den Wasserdruck verführerisch spielt.

Haarbüschel in Bodennähe

Für das Bleigewicht gilt: Eher zuviel als zu wenig, denn der Streamer muß selbst bei hoher Fließgeschwindigkeit und größerer Tiefe bodennah präsentiert werden können. Fünf bis zehn Gramm reichen im stehenden oder schwach fließenden Wasser aus, Gewichte ab 20 Gramm eignen sich für stärkere Strömung. Bei hohem Wasserstand und sehr hoher Fließgeschwindigkeit dürfen es durchaus 50 Gramm oder gar mehr sein. In den folgenden Wochen verfeinere ich die neue Angelmethode und teste erfolgreich einen selbstgebauten Bodentaster. Verschiedene Streamer werden gebunden, andere Gewässer ausprobiert. An einem Baggersee erlebe ich dann eine Überraschung: Ich fange keinen einzigen Zander, dafür mehrere kleine Hechte.

Schließlich folgt wieder ein Testangeln im Rhein mit einem Freund. Es zeigt sich, dass die Streamer-Methode im ruhigen Wasser eines Hafenbeckens etwa gleich viele Fische bringt wie das Twistern, nur darf hier der Seitenarm mit dem Blei auf zirka 15 Zentimeter gekürzt werden. Die Vorteile kann der Streamer also eher im schnell fließenden Wasser entlang der Buhnenköpfe ausspielen. Aber dort lauern ja auch die besonders prächtigen Stachelritter.

Anfangs fischte ich noch eine 2,40 Meter lange Spinnrute mit 15 Gramm Wurfgewicht, kombiniert mit einer 0,25er monofilen Hauptschnur. Doch diese Gerte ist wegen ihres niedrigen Wurfgewichtes viel zu weich, um die Bisse zuverlässig zu erkennen, und die Dehnung der monofilen Hauptschnur beeinträchtigt das Ködergefühl. Ich bin daher zügig auf eine drei Meter lange, relativ steife Hechtspinnrute mit Spitzenaktion und einem Wurfgewicht von 60 Gramm umgestiegen.

Meine Stationärrolle zum „Streamern“ verfügt grundsätzlich über eine zuverlässige Bremse, eine ausgezeichnete Wicklung und eine hohe Übersetzung. Sie ist mit 0,14er Dyneema gefüllt.

Seit neuestem experimentiere ich auch sehr erfolgreich mit einer drei Meter langen Castingrute mit Multirollenberingung (15 bis 40 Gramm Wurfgewicht) und einer entsprechenden Rolle.

Das Werfen mit der Multi erfordert zwar etwas Gewöhnung, das direkte Ködergefühl und die Drillkontrolle per Daumendruck sind aber so traumhaft, dass ich es nicht mehr missen möchte und nur weiterempfehlen kann.

Dreimal Streamer-Plus

Zander wollen langsame Kunstköder! Kein anderes Beuteimitat entfaltet so viel Aktion bei extrem langsamer Führung wie ein Streamer.

Mit einer Montage, die sich nicht so leicht verhängt oder deren Kosten sich bei einem etwaigen Verlust in Grenzen hält, angelt man riskanter – und letztlich auch erfolgreicher.

Ich glaube, dass Fische durchaus lernfähig sind. Die gängigen Kunstköder wie Twister, Gummifische, Blinker und Spinner haben viele Flossenträger schon häufig gesehen oder gespürt: Öfter mal was Neues, heißt daher das Erfolgsrezept!

Foto: Verfasser und F. Schwarz

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