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Traumfische unserer Großeltern

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Übermannsgroß: Ging ein Stör einem Fischer ins Netz, wurden von diesem seltenen Ereignis sogar handkolorierte Ansichtskarten gedruckt. Bilder: M. Bötefür

Bei den aktuell herrschenden Temperaturen zieht es viele Petrijünger an kommerzielle Angelseen, wo es dann auch auf „Störe“ geht. Dass diese Kreuzungen aus Stör und Sterlet im Vergleich zu den bei uns fast ausgestorbenen „echten“ Stören kleine Fische sind, wissen nur noch wenige.

Viele Menschen haben vergessen, dass Störe bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig und in großer Zahl in Ströme wie den Rhein und die Elbe aufstiegen und einen bedeutenden Faktor in der Berufsfischerei darstellten. Die bis zu vier Zentner schweren Knochenfische wurden während ihrer Laichwanderung im Mai und Juni mit Stellnetzen gefangen, was für die Fischer zwar wahre Schwerstarbeit war, jedoch mit dem Verkauf von Störeiern, die an Fürstenhöfen als hochgeschätzte Delikatessen galten, entsprechend belohnt wurde, während das Fleisch als Essen für arme Leute diente.

Da Störe trotz ihrer gewaltigen Größe nur kleine Beutetiere (Schnecken, Krebse, Würmer usw.) fressen, konnten die Fischer sie nicht mit Schnur und Haken fangen. Den Riesenfischen wurde bei Nacht mit langen und stabilen Stellnetzen nachgestellt, wobei zumeist nur ein einziges Exemplar gefangen wurde, das dann von bis zu fünf Männern ans Flussufer gebracht werden musste. Die Netze hatten eine Maschenweite von bis zu 30 Zentimetern und konnten von jeder anderen Fischart ohne Probleme passiert werden.

Abenteuerlicher Transport

Wurde ein Stör erbeutet, so entschied das Geschlecht des Fisches über den Lohn der harten Arbeit, denn nur Rogner waren für die Fischer finanziell lukrativ. Ein gefangener weiblicher Stör konnte bis zu 40 kg Rogen produzieren. Um diesen kostbaren Kaviar entnehmen zu können, war es aufgrund fehlender Kühlmöglichkeiten unabdingbar, die Fische erst in den fischverarbeitenden Betrieben zu töten und zu schlachten. Für die Fischer bedeutete dies, dass sie die Störe lebend zu ihren Abnehmern transportieren mussten. Auf dem Rhein und auf der Elbe geschah dies, indem man ihnen einen Strick durch Maul und Kiemen zog und sie daran mittels eines Segelbootes zur Kaviarfabrik schleppte, was angesichts der Größe mancher Störe zu einer gefährlichen Angelegenheit für die Schiffer werden konnte. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dieser Störtransport mit der Motorisierung der Binnenfischerei ungefährlicher und problemloser. Allerdings lag die Störfischerei zu dieser Zeit bereits im Sterben.

Angelandete Störe waren im 19. Jahrhundert Sensationen. Wer sie fing, holte seine ganze Familie ans Ufer und bestellte einen Fotografen.

Besichtigung für einen Pfennig

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg sank die Quote der in deutschen Flüssen gefangen Störe auf einen unbedeutenden Faktor in der Binnenfischerei herab und jedes gefangene Tier wurde von der Öffentlichkeit bestaunt. Zu Beginn der 20er Jahre wurde von den Fischern am Niederrhein ein Besichtigungsgeld in Höhe von einem Pfennig von jedem  Erwachsenen erhoben, der einen gefangenen Stör auf den Rheinwiesen bestaunen wollte. Entscheidend für das Verschwinden der Störe war jedoch nicht etwa nur die mit der Industrialisierung einhergehende Gewässerverunreinigung, sondern auch die Überfischung, die im Rheindelta begann und sich bis zum Mittelrhein fortsetzte, und so intensive Formen annahm, dass den Fischern im Regierungsbezirk Düsseldorf im Laufe des Jahres 1898 nur noch neun Exemplare in die Netze gingen. 1916 waren es dann nur noch vier. Der letzte Stör, der 1923 bei Wesel aus dem Rhein gezogen wurde und die lange Tradition des nächtlichen Fischfangs beendete, wog exakt drei Zentner. Ihm folgte 1942 noch ein kleineres Exemplar, dessen Fang – in einem für andere Fischarten bestimmten Netz – eine Sensation darstellte.

Angesichts eines veränderten ökologischen Bewusstseins darf man gespannt auf die Ergebnisse der seit zwei Jahrzehnten laufenden Rückansiedlungsmaßnahmen warten und hoffen, dass halbstarke Störe vielleicht bald an den Angeln der Sportfischer kämpfen und nicht mehr durch winzige Stellvertreter in Angelparks ersetzt werden müssen.

-Dr. Markus Bötefür-

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