Jan Eggers erzählt, Teil 5

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Jan Eggers mit seinen ersten Hechten aus den USA. Sie sehen deutlich anders aus als Polderhechte aus den Niederlanden, obwohl sie zur gleichen Art Esox lucius gehören. Bilder: Jan Eggers

Diesmal berichtet der holländische Hechtpapst über Farbvariationen in der Hechtfamilie.

Meine ersten Hechte fing ich im Eilandspolder bei meinem Geburtsdorf Graft-De Rijp. Ich habe leider keine Fotos davon. Ich würde diese Fische aber auf einem Poster mit großen und kleinen Hechten aus verschiedenen Gewässern sofort wiedererkennen. Mein Eilandspolder war in der Mitte der 1950er Jahre ein richtiger Moorpolder mit glasklarem Wasser. Darin fühlten Hechte, Rotfedern und Barsche sich prima wohl.

Ich fischte damals mit lebendem Köderfisch auf Hecht. Ich machte das so, wie ich es von alten Hechtanglern vor Ort gelernt hatte, für die ich immer die Köderfische fing. Zurückblickend auf diese Zeit weiß ich inzwischen, warum ich vor allem Hechte mit vertikalen Streifen auf einem fast gelben Untergrund und mit roten Flossen fing. Das Rätsel werde ich aber erst später lüften.

An den Haken kamen damals vor allem kleine Köderfischchen, die ufernah am Kraut präsentiert wurden.

Nah am Ufer mit kleinen Köderfischen

Ich fischte mit einer vierteiligen Bambusrute ohne Rolle. Die Schnur war anfangs noch ein Baumwollfaden, der fast so lang wie die Rute war, später Nylon mit einem Durchmesser von ca. 0,35mm. Auf der Schnur saß zuerst ein kleiner rot-weißer Schwimmkörper, um dem Hecht zu folgen, wenn dieser den Köderfisch gepackt hatte. Unter diesem kleinen Schwimmer folgten dann zwei oder drei größere Schwimmkörper, die den Biss signalisierten. Dann folgte eine dünne Kupferkette oder ein Stahlvorfach, unten dran ein Sprengring mit Drilling. Ein paar große Bleischrote hielten den Köderfisch auf Tiefe. Zum Thema Tiefe: Die unterste Pose stand auf etwa 40 Zentimeter, tiefer waren diese Poldergräben nicht. Meine Köderfische, vor allem Rotaugen und Rotfedern, durften maximal 6 bis 12cm lang sein, auf keinen Fall größer!

Mit der obersten Bambusrute hat Jan Eggers in den 1950ern selbst gefischt.
In früheren Zeiten wurden auch in Holland alle maßigen Hechte in der Küche verwertet.

Wir befolgten damals diese goldene Regel: “Snoeken is zoeken – Hechtangeln heißt suchen!” An einem Angeltag schleppten wir den Köderfisch viele Kilometer dicht am Ufer an vielen Wasserpflanzen vorbei. Zwischen den Pflanzen standen vor allem kleine Hechte, von 30 bis 50 cm, die auf vorbeischwimmende Beute warteten. Wir fingen also vor allem Krauthechte mit ihrer typischen vertikalen Camouflage-Zeichnung. Damals lag das Mindestmaß für Hecht bei uns bei 42cm und alle maßigen Hechte gingen mit Heim.

Zurückblickend auf die etwa 25 Jahre Hechtangelei im Eilandspolder komme ich zu der Schlussfolgerung, dass ich dort nie einen Meterhecht gefangen habe. Gut erinnere ich mich an einen 92er Hecht aus dem Meersloot und an einen 91er vom Kruiswerk. Das waren beides größere und auch tiefere Plassen in meinem Poldergebiet voller Jugenderinnerungen.

Grashechte besitzen mit ihren vertikalen Streifen die perfekte Tarnfarbe, um sich im Schilf zu verstecken.

Erst hellgrüne Hechte, dann graue und fast farblose Exemplare

Am 1. April 1970 begann ich einen neuen Job bei Draka Polva in Enkhuizen, ein Jahr später zog die Familie Eggers deshalb um nach Bovenkarspel. Angeltechnisch zog ich in die Region West-Friesland mit Lehmpoldern und so bekannten Gewässernamen wie Het Grootslag, De Drieban, De Vier Noorder Koggen und Westerkogge bei Avenhorn. Bevor ich noch mehr erzähle über die Hechte und das Hechtangeln in diesem Gebiet, in dem ich zu vollster Zufriedenheit seit beinahe 50 Jahren wohne, ein kurzer Ausflug nach Schweden.

1965 fuhr ich zum ersten Mal in des Land von Abu und Abba. Ich fing damals mit einem Abu Reflex Spinner meine ersten Hechte im Brackwasser der Ostsee. Die Fische waren schön hellgrün, aber was mich am meisten erstaunte: Ich fing an einem Nachmittag ungefähr 30 Hechte. In den folgenden 50 Jahren sollte ich noch häufiger in den Schärengärten und rund um die Aland-Inseln fischen und noch so einige von diesen grün gefärbten Hechten fangen.

Jan Eggers mit seinem allerersten Meterhecht.

Einfach war das Aufspüren neuer Hechtstellen in den 1970er Jahren rund um Bovenkarspel sicher nicht. Der Grund: die große Flurbereinigung! Der Polder Het Grootslag veränderte sich von einem “Vaarpolder” in einen “Rijpolder”. Viele alte Gräben wurden zugeschüttet, viele neue Gräben mit einem höheren Wasserstand und ziemlich steilen Ufern wurden parallel zu den neuen Wegen gegraben. Kurzum, es war ein mühsames Suchspiel für Hechte und Hechtangler. Ich war zwischenzeitlich Mitglied in einem örtlichen Angelclub geworden und beteiligte mich in diesen Jahren vor allem an Wettfischen, und das mit Erfolg. Als die Flurbereinigung fast abgeschlossen war, begann ich mehr und mehr mit der Kunstköderangelei in den neuen Flachwasser-Gräben. Meine alte Methode, mit einem Köderfisch die kahlen, steilen Ufer abzuschleppen brachte kaum Fisch.

Zum Thema Köderfisch: Ich staunte damals über die lokalen Hechtangler, die mit für mich riesigen Rotaugen von 15 bis an die 25 Zentimetern Länge in der Mitte der Gräben unseren Freund Esox befischten. Und mit Ergebnissen! Ich hörte, las und sah viele Berichte über Meterhechte, viel mehr als all die Jahre im Eilandspolder. Ich ahnte, dass dieses graue, kalkreiche Wasser mit hohem pH-Wert viel produktiver war, als das saure Wasser im torfigen Moorpolder.

Mein allererster Hecht an meinem neuen Wohnort fing ich im Graben entlang De Gouw, dieser kleine Hecht aus dem milchigen Wasser war fast grau gefärbt. Wenn hier die Hechte größer werden, sind sie etwas intensiver gefärbt. Es gab Hechte mit gelben Streifen, aber auch Familienmitglieder mit gelben Punkten aus dem gleichen Polder. Ich nehme an, dass diese gelbe Streifen- oder Punktzeichnung vererbt wird.

Keine grünen Streifen oder gelbe Punkte: Dieser Hecht ist durchgegehend dunkel gefärbt.

Schwarz, weiß, silbern, sogar halb und halb

Neben der üblichen grün-gelben Färbung gibt es auch Hechte, die eine ganz andere Farbe besitzen. Einer der ersten dieser ungewöhnlichen Hechte, von denen ich ein Foto gesehen habe, war ein weißer Hecht. Er stammte aus dem Alkmaardermeer beim Dorf Akersloot und soll an das Aquarium des Tierparks Artis in Amsterdam verschenkt worden sein. Weil ich neben Großhechten auch Fotos von ungewöhnlichen Hechten sammele, schrieb ich einen Brief an den Zoo, um mehr Informationen zu bekommen. Leider wurde mir nicht geantwortet. Von Jim Lindner vom Magazin The In-Fisherman erhielt ich ein Foto von einem weißen Musky, es gibt also Albino-Exemplare in der gesamten Esox-Familie.

Jan Eggers mit einem blinden Hecht von 122 cm, der wegen seinem Augenleiden besonders dunkel gefärbt war.
Ein weiterer blinder Hecht mit dunkelgrün-schwarzer Färbung.

Betrachten wir das Gegenteil von weiß: Ich erinnere mich noch gut an meinen mehr oder weniger schwarzen Hecht, den ich im Nueltin Lake, Nord-Manitoba, fing. Mein indianischer Angelguide Napoleon erklärte mir, dass dieser Hecht blind war und deshalb eine schwarze Färbung angenommen hatte. Viele Hechte wurden früher im Laufe ihres Lebens blind, weil Angler und Guides sie mit dem Augengriff gelandet haben. Hin und wieder fiel so ein verletzter Hecht zurück ins Wasser und überlebte. Ich selbst fing einen blinden schwarzen Hecht im Weerwater bei Almere. Dieser 122 cm lange Esox war stark abgemagert, meine 25 cm lange Grandma hätte diese uralte Großmutter auch nicht satt gemacht.

Er gibt auch silberne Hechte, die in Amerika auch gerne “blue pike” genannt werden. Dass ich ein Foto von so einem selbst gefangenen silbernen Exemplar besitze, beruht auf einem interessanten Vorfall. Ich fischte bei meinem ersten Trip zum Großen Sklavensee Ende der 1980er Jahre von einem Felsen aus, direkt am ersten Camp von Ray Beck. Ich fing jede Menge und wurde immer unvorsichtiger beim Landen. Dadurch verlor ich einen schönen Hecht, der auch meinen Mepps Syclops Blinker mitnahm. Zu meinem großen Erstaunen fing ich nach einer halben Stunde diesen Hecht mit dem Löffel im Maul noch einmal und konnte ein Foto machen. Erst nach Jahren realisierte ich, das es sich dabei um eine silberne Mutation gehandelt haben muss.

Silberner "blue pike" aus den USA.

Das Two-Tone-Phänomen habe ich zuerst bei großen Brassen gesehen, im letzten Jahrzehnt ist es auch vermehrt bei Hechten in Europa und Kanada aufgetreten. Die genaue Ursache dieser Färbung, bei denen Hechte im vorderen Viertel meist hell gefärbt sind, kenne ich nicht. Ich weiß nur, dass es sowohl bei Hechten von 50 cm, als auch bei Meterhechten vorkommt. Weil ich an bestimmten Stellen gehäuft solche zweifarbigen Hechte fange, nehme ich an, dass diese Färbung erblich ist. Sollte ein Leser über dieses Phänomen zusätzliche Informationen haben, sollte er es mich wissen lassen.

Ein zweifarbiger Two-Tone-Hecht.
An bestimmten Stellen treten Two-Tone-Hechte besonders häufig auf.
Hechte können auch auf einer Seite hell, auf der anderen dunkel gefärbt sein.

Andere besondere Färbungen aus fernen Ländern

“Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.” Eine Redensart, die auch auf meine Sammlung außergewöhnlich gefärbter Hechte zutrifft. Bis jetzt habe ich in 19 verschiedenen Ländern Hechte gefangen. Bei meinem momentanen Gesundheitszustand wird es wohl auch bei dieser Zahl bleiben. Die ersten Hechte, die ich in den USA fing, im Lake Oahe, South Dakota, fielen mir durch ihre besonders frische Farbe auf. Auch die tausenden “northern pikes”, der prosaische amerikanische Name für unseren Esox lucius, die ich im Norden von Kanada fing, hatten ein abweichendes, aber deutlich erkennbares Farbmuster, nebenbei waren sie auch schlanker.

Im Hohen Norden besitzen Hechte oft gemusterte Salamander-Bäuche.

Interessant waren auch die Hechte mit einem Fleckenmuster auf der Unterseite des Bauches, die ich oberhalb des Polarkreises in Finnland fing. Ob das eine besondere evolutionäre Anpassung ist, in diesen isolierten Seen, die viele Monate zugefroren sind, weiß ich nicht. Ich habe aber Fotos von Hechten gesehen, ebenfalls mit gefleckten Bäuchen, die im hohen Norden Kanadas gefangen wurden. Und dann gibt es da ja noch die anderen Mitglieder der Esox-Familie. Ich denke da an den Musky, den Amur-Hecht, die kleineren Pickerels und den erst kürzlich entdeckten Esox flaviae, der inzwischen als Southern Pike bezeichnet wird. Tja, und dann gibt es da noch die vielen Hybriden, von denen der Tiger Musky der bekannteste ist.

In einem der folgenden Artikel werde ich diese weniger bekannten Nichten und Neffen unseres populärsten Raubfisches noch besonders beleuchten. Abschließen möchte ich mit zwei Fotos von in Europa gefangenen Hechten, von denen ich nicht weiß, um was es sich dabei genau handelt. Bis zum nächsten Mal.

Jan Eggers

Zum 4. Teil…

Marmorhecht: Jouke Jansma mit einem ungewöhnlich gezeichneten Hecht aus Westfriesland in den Niederlanden.
Ein besonders markant gefärbter Junghecht.
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