ANZEIGE

Aale – bedrohte Wunderwesen

6170
Aale waren einmal so häufig, dass sie vor allem vor Wanderhindernissen wie Mühlenstauwehren in Massen gefangen werden konnten. Bilder: M. Bötefür

Die aktuelle Debatte um die Aalschonzeiten verdeutlicht einmal mehr den dramatischen Rückgang einer Fischart, über die man noch immer recht wenig weiß und deren Bestände man früher für unerschöpflich hielt.

Wenn es dem Menschen nicht mehr erlaubt ist, Aal zu fischen – ihn zu fangen, zu töten und zu essen –, wird er sich auch nicht mehr für ihn interessieren.“ Mit diesen, auf den ersten Blick verstörenden Worten fasst der norwegische Journalist Torolf Kroglund die Diskussion um die Rettung des Aals in Europa zusammen. Dass er mit seinem 2019 erschienen Buch Reise mit Aal nicht der erste Autor war, der sich mit diesem rätselhaften Fisch, seiner Lebensweise und Geschichte auseinandersetzte, verdeutlicht eine Literaturrecherche, die aufhorchen lässt: Zählt man die in den vergangen 400 Jahren in den europäischen Hauptsprachen erschienen Bücher, Artikel und Aufsätze zum Thema Aal zusammen, so kommt man auf rund 1,5 Millionen Titel.

Hodenlose Kreaturen

Unter den Autoren sind nicht allein berühmte Biologen, unsterbliche Angler und weltberühmte Literaten, sondern auch der Begründer der modernen Psychoanalyse Sigmund Freud. Ihn hätten wohl die wenigsten Petrijünger mit der Erforschung der Schlängler in Verbindung gebracht. Und tatsächlich war es seine vergebliche Suche nach männlichen (also Hoden aufweisenden) Aalen, die ihn als Student vom Fach Biologie zur Medizin wechseln ließ. Er und seine Kollegen am Biologischen Institut von Triest konnten damals nicht wissen, dass einige dieser scheinbar rein weiblichen Wesen ihre Männlichkeit erst auf der Laichwanderung im offenen Meer entdecken und entwickeln.

Vermehrung in Erbsenfeldern?

Freud war damals nicht der erste Frustrierte. Bereits in der Antike machten sich wissenschaftliche Autoritäten Gedanken über die Herkunft und Vermehrung der Aale. Aristoteles hielt sie z.B. für geschlechtslose Ausgeburten des Schlamms und Plinius der Ältere meinte, dass sie sich mittels des Abschürfens ihrer Haut an Steinen vermehrten, wobei aus den abgerieben Hautfetzen neue Aale erwüchsen. Im Mittelalter verkündete Albertus Magnus die Legende, wonach Aale nachts aus dem Wasser stiegen und sich in Erbsen- und Bohnenfeldern vermehren würden. Und so ist es nicht weiter erstaunlich, dass im bildungsbürgerlichen Milieu bis weit ins 19. Jahrhundert Theorien kursierten, nach denen man die Geburtsstätten der Fische in Pfützen oder sogar im Wasser von Dachrinnen vermutete.

In kleinen Entwässerungsgräben wurden sie mit speziellen Aalgabeln gestochen.

Skrupellose Fangmethoden

Angesichts der schier nicht enden wollenden Menge von Aalen, die man noch Mitte des 20. Jahrhunderts in den Seen, Flüssen und Küstengewässern fing, waren auch die Fangmethoden nicht gerade zimperlich oder waidgerecht. Aale wurden mit Gabeln aufgespießt, an über Nacht ausgelegten Langleinen (Aalschnüren) oft zu hunderten gefangen oder bereits als Jungfische mit Hebenetzen „geerntet“. Auch sportfischereilich kursierten die kuriosesten Empfehlungen zum nächtlichen Fang der Fische. Wer seine Würmer mit Erbsenmehl panierte war im 19. Jahrhundert auf der Höhe der Zeit. Wenn es ihm dann nicht gelang, seine Beute sicher nach Hause zu tragen, so hatte er es versäumt, im Schrifttum des Barons von Ehrenkreutz zu blättern dort hieß es: „Er ist sehr schlüpfrig, so daß man ihn mit bloßen Händen nicht halten kann. Will man ihn festhalten, dann muss man die erst etwas naßgemachten Hände in trockenem Sand oder Asche wälzen. Wann man ihn mit einem seidenen Schnupftuch anfaßt, ist er gleich ruhig; ebenso wenn man Eisen auf ihn legt. Er besitzt so viel Kraft, daß wenn er sich um jemandes Arm oder Fuß schlingt, er ihn leicht zerbrechen kann.“ Wurde man seiner schließlich habhaft, so landete er nicht nur in Töpfen, Pfannen und Räucheröfen, sondern auch in den Mörsern von Apothekern und Quacksalbern, die ihn zu mehr oder minder wirksamen Arzneimitteln verarbeiteten. Aalfett galt als Wundermittel gegen Schwerhörigkeit, Hämorrhoiden, Frauenleiden und Haarausfall.

Heute müssen Aale nicht mehr als Arzneien dienen. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, nach Heilmitteln zu ihrer Rettung zu suchen. Ob wir Angler uns und ihnen mit einer völligen Aalabstinenz dabei einen Gefallen tun, sollte reiflich überlegt werden. Denn wer nicht auf Aale angelt, den interessieren sie irgendwann auch nicht mehr.

Dr. Markus Bötefür

ANZEIGE
Abo Fisch&Fang