Was uns die Möwe verrät

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Barsch
Stachelritter mit Gardemaß: An großen Seen hat man in den Herbstmonaten beste Chancen auf ein solch prächtiges Exemplar.

Ab September geht es an mecklenburgischen und holsteinischen Seen heiß her. Kreischend stürzen sich fressgierige Möwen ins Wasser. Wer dann dem Barsch oder Hecht nachstellen will, sollte das Getümmel fest im Auge behalten.

By Manfred Lüer

Was die Seevögel mit Stachelritter und Meister Esox zu tun haben? Direkt nichts. Aber der erfahrene Petrijünger nutzt das Treiben als eine Art Bio-Signal. Das hört sich kompliziert an, ist es aber nicht, wenn man weiß, wie alles miteinander zusammenhängt:

Auslöser des „großen Fressens“ der Seevögel sind riesige Barsch-Schwärme. Die Stachelritter jagen im Herbst kleine Fischen – Binnenstinte oder Minibarsche – im Freiwasser und treiben sie dabei bis unter die Oberfläche. Dort ist dann die „Tafel“ gedeckt für die Luft-Akrobaten. Erstes Fazit für den Angler: Wo die Möwe jagt, raubt der Barsch. Und der Schlussfolgerung zweiter Teil: Wo dieser Fisch frisst, lauert in der Tiefe auch dessen Jäger- in solchen Revieren der kapitale Maränen-Hecht. Womit sich der Kreis schließt – denn nun ist klar, warum Sie beim Angeln auf Barsch und Hecht mit den weißen Vögeln übers Gewässer ziehen sollten.

Das geschilderte Spektakel startet meist im September und dauert an bis zum frühen Winter – je nach Revier. Legendär sind solche Barsch- und Möwenjagden an der Müritz. Denn hier durchstreifen besonders große Schwärme von Stachelrittern Marke Dickbarsch das sogenannte „Kleine Meer“. Doch auch an vielen anderen Seen der holsteinischen und mecklenburgischen Seenplatte bricht ab Herbst die goldene Zeit für Barsch-Fischer an. Stimmt dann die Präsentation, können binnen weniger Minuten mehrere Pfundsbrocken am Haken zappeln. Aber nicht nur die ausgezeichneten Fangaussichten, sondern auch die Faszination dieser besonderen Art der Pirsch locken die Angler herbei.

Mit dem Fernglas erspähen

Wegen der Ausdehnung der Gewässer – einige sind mehr als 1.000 Hektar groß – lassen sich die Möwenpulks allerdings besonders bei schlechtem Wetter nicht so leicht ausmachen. Kein Wunder, dass die hiesigen Raubfischangler dann mehr zum Fernglas als zur Angelrute greifen.

Die Barschjagden finden vornehmlich im Freiwasser über tiefem Grund statt. Sie beginnen am frühen Nachmittag und dauern bis zum Sonnenuntergang. Auch der frühe Morgen ist aussichtsreich.

Im Sturzflug hinab

Ist ein „Jagdgeschwader“ ausgemacht, heißt es, rasch vor Ort zu sein. Doch Vorsicht! Oft sind andere Boote schneller. Dann muß man sich in den „Belagerungsring“ einreihen. Wobei die Betonung auf „einreihen“ liegt, denn die gestreiften Räuber sind heikler, als mancher glaubt. Oft beenden sie schlagartig ihre Jagd, wenn ein Boot mitten durch das „Schlachtfest“ fährt.

Allround-Köder, der eigentlich immer fängt, ist ein fetter Tauwurm am Gleitfloß (Tragkraft zirka 15 Gramm). Die simple Erfolgsmontage zeigte mir vor vielen Jahren mein Onkel Kurt am Schweriner See: Ein 4er Haken, ein 60 Zentimeter langes und 0,25 Millimeter starkes Vorfach, ein Wirbel, ein Schnurstopper und ein großes Laufblei. Ungewöhnlich war lediglich die Präsentation.

„Die besten Barsche stehen tiefer und am Rand. Hier muß der Wurm hin, wenn Du die Brocken erwischen willst“, so seine Erklärung. Ich dagegen hatte anfangs immer mitten in das Getümmel hineingeworfen und mich schon über die vergleichsweise wenigen Bisse gewundert. Tatsächlich erzielte Kurt am Rand die bessere Fänge. „Die jagenden Barsche an der Oberfläche haben nur eines im Sinn: kleine Stinte und Mini-Stachelritter. Die beachten den Tauwurm gar nicht.“ Deshalb ging auch ich nach und nach dazu über, den Kringler etwas abseits des Geschehens zu platzieren.

So fingen wir unsere Stachelritter – herrliche Exemplare mit feuerroten Flossen und satten Grüntönen. Doch die Angelei mit Pose und Tauwurm in größerer Tiefe war zu langsam, um größere Mengen zu fangen – zumal die Barsch-Jagden oft nur wenige Minuten dauern.

Dann zieht die wilde Hatz weiter – oft genug zu einem weit entfernten Seeteil. Dann heißt es erneut spähen, Anker hieven und an die nächste Stelle fahren. Und wenn – so wie am Großen Plöner See – nur Rudern erlaubt ist, zählt jeder gefangene Barsch doppelt: Effektives Fischen ist gefragt.

Flottes Spiel unter dem Kiel

Der Einsatz von Kunstködern ist da ein lohnender, zugleich aber risikoreicher Weg. Denn die Großmäuler sind oft heikel und bevorzugen bestimmte Köder und/oder Farbgebungen. Bei einer Beißflaute gilt dann: „Probieren geht über studieren“, und das kostet schließlich Zeit. Ist jedoch das optimale Beuteimitat herausgefunden, dann rappelt es in kurzer Zeit so richtig im Karton.

Wie fängig beispielsweise das Pilken im Süßwasser sein kann, habe ich an der Müritz kennengelernt. Hier bevorzugen die Einheimischen kleine Zocker zwischen 15 und 30 Gramm in Grün/Silber. Diese imitieren Jungbarsche, eine Lieblingsspeise der kannibalischen Gesellen.

Die Führung ist einfach: In den Schwarm werfen und zum Boot hin mit kurzen Rucken einholen. Auch das Zupfen direkt unter dem schwimmenden Untersatz lohnt, falls man sich mitten im Geschehen befindet. Wird dann ins Getümmel serviert, sollte der Schnurfangbügel schon vor dem Auftreffen des Metallhappens auf die Wasseroberfläche geschlossen sein. Denn die Großmäuler lauern ihrer Beute oft in oberen Schichten auf und nehmen den herabfallenden Happen sofort.

Am Rücken aufgehängt

Der beste Köder ist meiner Ansicht nach der Horizontal-Jig. Bei ihm ist die Schnuraufhängung mittig auf dem Rücken montiert. Er lässt sich gut werfen und sackt langsam in die Tiefe – mit einer seitlichen, besonders aufreizenden Schaukelbewegung. Gerade in dieser Phase erfolgen viele Bisse. Daher stets Kontakt zum Jig stets halten. Ein kurzer Ruck aus dem Handgelenk, und der Köder flitzt zur Seite – wie ein kleiner Futterfisch, der Gefahr wittert. Dieses Lockspiel macht den Horizontal-Jig zum Barschverführer der Extraklasse. Die drei Top-Farben sind Fluo-Rot, Silber und Firetiger.

Jagen die Großmäuler besonders flach, schlägt die Stunde des Wobblers: Fängig ist ein kleiner, dickbäuchiger im Barsch- oder Weißfischdesign. Extratipp: Falls erlaubt, empfiehlt sich auch das Schleppen am Rand des Jagdgeschehens. Bei dieser Angelart ist durchaus ein tieflaufendes, größeres Modell geeignet, da nun mit fetten Barschen zu rechnen.

Sind schließlich genügend Großmäuler im Boot, ist das Zocken auf Esox mit dem Drachkovitch-System ein heißer Tipp. Denn krachende Bisse bei der Barschpirsch sowie harte Drills deuten immer wieder auf kapitale Maränen-Hechte hin.

Also, wie wär’s einmal mit einem Ausflug an ein Gewässer vom Kaliber des Plöner Sees oder der Müritz – auch der Stachelritter wegen? An welchen Gewässern sich der herbstliche Trip besonders lohnt, verraten wir Ihnen auf den nächsten beiden Seiten.

Barsche – lecker zubereitet

Barschfilets auf ungarische Art sind lecker und lassen sich ruck, zuck zubereiten. Für zwei Personen reichen sechs mittelgroße Filets á 100 Gramm. Und so geht’s: Die Barsche filetieren, danach die Haut abziehen. Das Fleisch kalt spülen, mit Zitronensaft beträufeln, salzen, pfeffern und etwa 30 Minuten lang im Kühlschrank ziehen lassen.

Die Pfanne leicht erhitzen, Butter darin zerlassen; die Filets zirka fünf Minuten von jeder Seite bei kleiner Flamme durchbraten. Dann den Fisch aus der Pfanne nehmen und warm stellen. Der verbliebene Buttersud dient als Fond für die Paprikasauce: einen Schuß Weißwein, 250 ml Sahne und etwas Paprikapulver edelsüß hinzugeben. Den Sud köcheln lassen, abschmecken, die Filets kurz hineingeben. Fertig. Am besten schmecken dazu Salzkartoffeln und ein trockener, spritziger Weißwein.

(Hecht stark) Unterhalb der jagenden Barsch-Schwärme stehen fast immer kapitale Maränen-Hechte. Als der Einsatz des lebenden Köderfisches noch erlaubt war, biss auf einen in acht oder zehn Meter Tiefe angebotenen lebenden Stachelritter fast immer ein Esox. Wenn nämlich ein jagendes Unterwasser-Krokodil nach oben in die dicht gedrängt stehenden Barsche stößt, flüchten diese aufgeregt. Zurück blieb in diesem Fall der durch den Haken in seinen Bewegungen behinderte Köder. Den nahm der gefleckte Jäger nur allzu gern.

Die Alternative heute ist der tote Fisch am Drachkovitch-System. So geht’s: Auf die Körperklammer einen 15 bis 20 Zentimeter langen, frisch getöteten Barsch aufziehen, die Drillinge seitlich einstechen und den Kopfdraht verschränken. Um auf Tiefe zu gelangen, sollte das Standard-Kopfblei gegen ein schwereres von 15 Gramm ausgetauscht werden. Dann wird gefühlvoll aus dem Handgelenk gepilkt. Dafür eignen sich am besten steife Ruten. Denn der lockende Happen am System hat keine Eigenaktion.

Welche Köderführung die Maränen-Hechte bevorzugen, muß man aber testen. Denn manchmal fallen sie eher auf weite, sanfte Schwünge, dann wieder auf eine aggressive Führung mit vielen kleinen ruckartigen Zügen herein.

Foto: Dietmar Isaiasch

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