Münchner Rollen-Kunstwerk

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Hightech aus den 1920er Jahren. Für solche Rollen musste man damals etwa 22 Mark hinlegen, zu einer Zeit, als das Jahresdurchschnittsgehalt bei etwas über 1.000 Mark lag. Umgerechnet auf heute müsste diese Rolle im Angelladen ca. 700 Euro kosten. Sie wurde deshalb damals auch nur von Gutsbesitzern, Apothekern, Zahnärzten und Juristen gefischt.

Heute möchte ich eine ungewöhnliche Rolle mit Ebonit-Vorderseite, breiter Aluspule, Horngriff und einer aufwändigen Marston-Bremse, wie sie um 1910-20 sehr modern war, vorstellen.

Diese Rolle ist zweifellos von der berühmten Crosslé-Rolle inspiriert, die 1907 zum Patent angemeldet wurde. Diese besaß eine besonders leichte Aluspule, das damalige Hightech-Material Ebonit („Vulcanite“), ein Hartgummi, wurde für die Rückwand verarbeitet. Ebenfalls 1907 erfand R.B. Marston, Herausgeber der Fishing Gazette, sein Bremssystem, eine charakteristische Schraube auf der Rückwand, die die Spule beim Wurf leicht abbremste, damit sie sich nicht so leicht überschlagen konnte. Beide Patente wurden dann zur legendären Marston-Crosslé-Rolle kombiniert.

Die hier gezeigte Rolle stellt diese Erfindungen (wahrscheinlich aus patentrechtlichen Gründen) etwas auf den Kopf, aus der leichten Aluspule wurde eine halbe Ebonit-Spule, aus der Ebonit-Rückwand eine aus Alu. Das schwere Ebonit macht leider als Vorderwand der Spule überhaupt keinen Sinn, diese sollte ja möglichst leicht sein. Die ventilierten Alu-Spulen der Crosslé-Rollen besaßen aber auch einen Kern aus Ebonit oder Hartholz (Walnuss, Mahagoni).

Die beiden feinen Rillen auf der Rückwand, das Kreuz und auch die charakteristische Form des Schiebers sprechen für ein Modell von Hildebrand-Wieland in München. Zudem stammt die Rolle auch noch aus Bayern. In einem Katalog konnte ich sie aber noch nicht finden, es sind dort aber auch selten die Rückseiten abgebildet. Eventuell war es eine Sonderanfertigung.

Diese Rolle wurde stehend auf der Rute gefischt, wie eine Multirolle. Die Spule war deshalb so breit, damit man den Wurf mit dem Daumen abbremsen konnte. Eine Schnurführung verhindert Verhedderungen.

Wer weiß mehr über diese Rolle? Infos an thomas.kalweit@paulparey.de

Die Vorderseite der Spule besteht aus einer dicken Ebonit-Platte, in den 1920er Jahren ein hochmodernes Material.
Die beiden Rillen auf Rückwand und auch die Bauweise von Kreuz und Schieber sind vergleichbar mit anderen Hildebrand-Rollen (siehe unten).
Hildebrand-Rollen
Die breite Aluspule wurde im Wurf mit dem Daumen abgebremst.
Schnurführung am Rollenfuß.
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