Eine für viele

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Eine für viele
Schwarze Insekten, wie die Weißdornfliege im Maul der Bachforelle, lassen sich mit dunklen Mustern aller Art vortäuschen.

Insbesondere Anfänger stehen im Geschäft ratlos vor zahlreichen Fliegenmustern. Frank Schwarz kommt mit wenigen Modellen aus und stellt seine Favoriten vor.

By Frank Schwarz

Blättert der Fliegenfischer-Neuling in den entsprechenden Fachbüchern, so bewundert er zunächst zahllose Farbfotos. Die zeigen kunstvoll gebundene Fliegen, die garantiert die großen Fische überlisten. Immer neue Muster, Farbvarianten und Größen werden von den Insidern und Fachleuten entworfen, gebunden, getestet und gepriesen. So staunt, kauft und hortet der Einsteiger unendlich viele Fliegen in seiner Dose. Ob er damit mehr fängt, bleibt allerdings fraglich.

Vergleiche ich das Angebot mit dem Inhalt meiner Dose, dürfte bei mir eigentlich keine Forelle mehr beißen. Und schon gar keine kapitale, die angeblich auf kein „traditionelles“ Muster mehr hereinfällt. Doch obwohl keine Kuschel-Puschel-Streamer, Glasaugenfliegen oder andere exotische Modelle meine Fliegenbox bewohnen, bekomme auch ich zuweilen fette Fische an den Haken. Entscheidend für den Fangerfolg ist nämlich nicht, dass die Fliege hundertprozentig das nachahmt, was die Fische gerade an Nahrung im Wasser finden, sondern dass sie den Jagdinstinkt weckt.

Ein reich gedeckter Tisch

Die meisten Salmoniden ernähren sich hauptsächlich von Insekten. Viele der für den Fliegenfischer interessanten Arten verbringen den Großteil ihres Lebens als Larven Nymphen unter Wasser und kommen nur zum Schlüpfen an die Oberfläche wo das flugfähige Insekt dann auch wieder seine Eier ablegt.

Eintagsfliegen-Nymphen klammern sich an Steinen fest leben unter oder zwischen ihnen. Andere wohnen im Schlamm oder bohren sich Gänge in den lehmigen Grund.

Von diesen leicht unterscheidbar: Steinfliegen. Die besitzen im Gegensatz zu den Eintagsfliegen zwei Schwanzfäden und vier durchsichtige Flügel die in Ruhehaltung dicht am Hinterleib anliegen.

Köcherfliegenlarven bauen sich aus Sandkörnern Tannennadeln und kleinen Steinen Wohnröhren die sie wie Schnecken mit sich umhertragen. Einige Arten sind auch ganz nackt oder hängen an versunkenen Bäumen und Sträuchern.

Auch Bachflohkrebse die kleinen Nordseekrabben ähnlich sehen und Mückenlarven in den verschiedensten Größen und Farben sind bei den Schuppenträgern beliebt.

Vom Land kommend bereichern Käfer Heuschrecken Ameisen Falter Stubenfliegen und Schnaken unfreiwillig den Speiseplan. Diese Terrestrials fallen von überhängenden Zweigen oder werden vom Wind aufs Wasser gedrückt so dass sie hilflos auf der Oberfläche schwimmen.

Gefragte Generalisten

Fliegenfischer die nun für jede Situation das richtige Imitat parat haben wollen müssten eine Box in Setzkastengröße mit sich herumschleppen. Für leichtes Gepäck sorgen deshalb die Gruppenmuster. Sie ahmen gleichzeitig mehrere Insektenarten nach. Davon sollte man dann allerdings verschiedene Hakengrößen in den wohl fängigsten Farben Grau Braun Oliv Schwarz Gelb und Blaugrau dabei haben.

So überzeugt bei den auf der Oberfläche schwimmenden Trockenfliegen eine kleine schwarze Mücke auch als Ameise und in Grau als Eintagsfliege.

Für Käfer-Imitationen eignen sich Red Tag Coachman Hexe oder Black & Peacock-

Spider. Alle vier Fliegen gehen aber auch als Köcherfliegenmuster und in kleinen Größen wiederum als Eintagsfliegen durch. Hauptsache Farbe und Größe stimmen. So ahmt die Köcherfliegen-Nachbildung Buck Caddis auch hervorragend Eintags- Steinfliegen oder Landinsekten nach.

Petrus sei Dank daß die Forellen auch unter Wasser Nassfliegen und Nymphen nicht so genau erkennen. Ein brauner auf Grund gefischter Bachflohkrebs wird auch in Zeiten genommen wenn Eintagsfliegenlarven besonders viel Anklang finden. Die klassische Nassfliege March-Brown findet in allen Wassertiefen Abnehmer. Und große Nymphen wie die Arthofer lassen sich auch als Brutfisch oder Köcherfliegen-Nymphe mit Gehäuse führen.

Spielernaturen

Durch ein besonders großes schauspielerisches Talent zeichnen sich Streamer aus. Das für sie verwendete Bindematerial wie Haare Marabou-Federn und allerlei Kunstfasern verleiht dem Köder ein besonders attraktives Spiel im Wasser. In naturgetreuen Farben imitieren sie Beutefische wie Mühlkoppen oder Elritzen. In dunklen Farben fangen der Muddler Minow Leslie-Lure oder Fuzzy-Wuzzy besonders gut. Fängig sind auch die Butcher Mallard oder der Taupo-Tiger in Gelb oder Grün. In Norddeutschland eignen sich diese Muster auch gut als Kaulbarsch- oder Aalmutter-Ersatz. Auch Silber gibt die für diese Fischchen typischen Reflexe wieder. Zu den erfolgversprechenden Modellen zählt hier beispielsweise die Silver-Blue.

Und dann öffnet sich das weite Feld der Paradiesvögel. Reizmuster die in allen Farben des Regenbogens schillern. Motto: je bunter desto besser. Sie überzeugen den Fisch in erster Linie durch ihr Auftreten. Plötzlich dringen die grellen Störenfriede in sein Territorium ein und wecken so das Bedürfnis den vermeintlichen Rivalen zu vertreiben. Bei trübem Wasser funktionieren Reizfliegen besonders gut – für Hecht Zander und Barsch sowieso. Aber auch mitten im Sommer wenn die Fische wählerisch sind können sie für Überraschungen sorgen.

Führungsaufgaben

Viel wichtiger als die exakte Nachbildung am Vorfach ist die unverdächtige Präsentation der Fliege. Dazu gehört eine feine Vorfachspitze und ein geräuschloses Ablegen der Fliegenschnur. Die Trockene darf also nicht mit Bugwellen à la Außenbordmotor übers Wasser furchen (dreggen).

Auch die Nassfliege soll ein Insekt nachahmen und kein Torpedo, sonst bleibt der Biß aus. Sind die Fische besonders wählerisch, hilft oft ein Größenwechsel. Insbesondere bei Gewässern mit hohem Angeldruck bringt eine kleinere Hakengröße meist den gewünschten Erfolg. Die gängigen Hakengrößen bewegen sich bei „Trockenen“, „Nassen“ und Nymphen zwischen acht und achtzehn.

Schlanke Streamer fangen in Flüssen mit starker Strömung oft mehr, weil sie besser sinken und ein stärkeres Eigenleben entwickeln. Beim Führen von Reizfliegen sind der Phantasie des Fischers keinerlei Grenzen gesetzt. Vom einfachen Einstrippen der Leine bis hin zum gezielten Driftenlassen gilt die Devise: Erlaubt ist, was zum Anbiss reizt.

Wer also mag, kann natürlich Unsummen in immer neue Fliegenmuster investieren – oder in eine neue Fischpfanne für die heimische Küche. Denn wenige Gruppenmuster genügen, um mit etwas Geschick und Glück den Korb zu füllen.

Foto: Verfasser

Abo Fisch&Fang