Deutschlands komplizierteste Rolle?

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Das Innenleben der Emté Automatic, eine komplizierte Abfolge von Hebeln und Gelenken.

Von außen sieht sie ganz unscheinbar aus, für moderne Augen eher hässlich und billig gebaut. Die weißen Plaste-Griffe und das Gehäuse aus Bakelit waren aber in den 1950er Hightech-Materialien, so futuristisch wie in den 1990ern Kevlar und Karbon.

Öffnet man aber die Rolle, dann kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Im Innern erwartet einen die wohl komplizierteste Mechanik mit zahlreichen Gelenken, Hebeln, Federn und Stellschrauben. Die Schnur wird durch einen Anti-Backlash-Bügel geleitet. Im Wurf gibt dieser widerstandslos Schnur frei, am Ende des Wurfs wird die Spule automatisch leicht abgebremst, damit es nicht zu Perücken kommen kann. Doch damit nicht genug: Im Drill schaltet dieser Bügel automatisch die Knarre ein, wenn er bis zum Anschlag gezogen wird, und wirkt auch auf die automatische Bremse, die sich ein und ausschalten lässt. All diese Funktionen kann der Angler durch Schalter und Stellschrauben feinjustieren. Ein unglaubliches Teil!

1951 brachte Ingenieur Martin Treppenhauer aus Dresden diese Emté Automatic auf den Markt. Die Werbung schwärmte von dieser „fortschrittlichen Neukonstruktion“ mit vollautomatischer Bremse, selbsttätiger Knarreneinschaltung und stiller Hemmung.

Wer weiß mehr über die „Automatic“? Ich suche vor allem noch ein vollständiges Exemplar der Emté Automatic, meine Rolle ist leider an vielen Stellen etwas beschädigt. Infos an thomas.kalweit@paulparey.de

1951 kam die damals hochmoderne Kunststoffrolle "Made in Dresden" in den Handel.
Bedienoberfläche für Technikfetischisten. Leider fehlt bei meiner Rolle ein Schalter.
Wird der Schnurbügel im Drill ganz nach unten gezogen, wird automatisch der Knarrenhebel umgelegt.
Der Schnurbügel steuert die Überlaufbremse und schaltet bei Biss sogar die Ratsche ein.

Anmerkung vom 29. Januar 2020:

Michael Schlecht fand im Deutschen Angelkalender von 1957 folgende Anmerkung über die Emté Automatik von Adolf Radzik: Die angekündigte Leichtmetallausführung hat es aber offenbar nie gegeben: „Einmal hat der Konstrukteur viel Zeit und wohl auch viel Liebe darauf verwendet, zum anderen muss sich der Angler eingehend mit ihr beschäftigen, um die Möglichkeiten voll zur Wirkung zu bringen. Ich kann mir vorstellen, dass  jemand, der sein Gewässer und seinen Fisch kennt, mit dieser Rolle gute Erfolge erzielen kann. Gehäuse und Spule bestehen aus Kunstharz, Präzision und leichter Lauf sind gegeben. Der Mechanismus ist sauber ausgeführt. Ein brauchbares Gerät, das in nächster Zeit wie auch alle anderen Fabrikate der Firma Treppenhauer, Dresden, aus Leichtmetall hergestellt werden soll und dadurch nur gewinnen kann.“

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